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Herausforderung „Corona“: Perspektiven der Wissenschaft

Studium generale der Universität Freiburg und Volkshochschule Freiburg

(c) Klaus Polkowski.jpg  

 

Die Corona-Pandemie hat die Welt im Jahr 2020 auf eine einzigartige Zerreißprobe gestellt – und noch ist ihr Ende nicht absehbar. Die durch die Krise aufgeworfenen Probleme und Herausforderungen sind mannigfaltig und betreffen buchstäblich alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens: das Gesundheitssystem, das Erziehungs- und Bildungswesen ebenso wie das Wirtschaftssystem und die Arbeitswelt, die öffentliche Ordnung und den sozialen Zusammenhalt, dazu vielseitige und komplexe Fragen im Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortung, individueller Lebensführung und gesellschaftlicher Solidarität. Auch die Wissenschaft kann in dieser Situation nicht mit einfachen Lösungen aufwarten. Wohl aber vermag sie zu einem differenzierten Verständnis der Lage beizutragen und – aus unterschiedlichen disziplinären Horizonten – Vorschläge zu ihrer Bewältigung zu formulieren. In einem Zyklus von sechs Vorträgen erläutern Freiburger Experten aus Medizin, Psychologie, Theologie, Geschichts-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaft, vor welche Herausforderungen die Corona-Pandemie uns stellt.    

Alle Vorträge können kostenlos „besucht“ werden.
Jeder Einzelvortrag wird zum angegebenen Zeitpunkt bereitgestellt und bleibt für den gesamten Zeitraum des Wintersemesters zugänglich.
Zu finden sind die Vorträge jeweils auf dem Medienportal des Studium generale und über den Link unter dem Bereitstellungsdatum der Vorträge.
 

Dr. Thomas Zimmer (Forschungsgruppe Zeitgeschichte, München/Freiburg)
Das Zeitalter der Pandemien. Die internationale Gemeinschaft und der Kampf gegen Seuchen – von der Cholera bis Covid-19

Online ab Dienstag, 17.11.20

Link zum Vortrag
 

Dr. Thomas Zimmer

In vielerlei Hinsicht erleben wir im Jahr 2020 eine historisch präzedenzlose Situation. Milliarden Menschen sind seit Frühjahr von „Lockdown“-Maßnahmen betroffen, um Covid-19 einzudämmen; für die Wucht, die aus der Gleichzeitigkeit der vom Coronavirus ausgelösten gesundheitlichen, wirtschaftlichen und politischen Krisen entsteht, gibt es in der Geschichte kaum Beispiele. Aber natürlich mussten Gesellschaften schon früher immer wieder auf neuartige Krankheiten reagieren. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war der Umgang mit Seuchen dabei von der Einsicht bestimmt, dass sich Krankheiten nicht an nationale Grenzen hielten und dass es einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bedurfte – hier liegen die Anfänge einer modernen internationalen Gesundheitspolitik. Wie also sind Gesellschaften in den vergangenen rund 200 Jahren mit Epidemien umgegangen: Von der Cholera über die Spanische Grippe, Malaria und HIV/AIDS bis zu Covid-19? Wie hat die internationale Gemeinschaft auf die Bedrohung durch Pandemien reagiert? Und wie lässt sich die Coronakrise vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen einordnen und verstehen? Aus einer solchen historischen Perspektive ergeben sich keine einfachen politischen Rezepte. Aber hoffentlich schärft sie den Blick für zentrale Probleme und sensibilisiert für Kontexte und Herausforderungen, die auch unsere Gegenwart und Zukunft prägen werden. Und sie mahnt uns dazu, auf die Herausforderungen der interdependenten Welt nicht mit Abschottung, sondern mit globaler Solidarität zu reagieren – im Bewusstsein, Teil einer Schicksalsgemeinschaft aller Menschen zu sein.

 

Prof. Dr. med. Winfried V. Kern (Klinik für Innere Medizin II, Abteilung Infektiologie, Universitätsklinikum Freiburg)
Covid-19: Infektion und Erregerübertragung versus Erkrankung

Online ab Dienstag, 01.12.20

Prof. Dr. med. Winfried V. Kern Die Infektion des Menschen durch respiratorische Viren ist fast Alltag. Es gibt diese Viren in zahlreichen Varianten. Die Übertragung erfolgt durch Tröpfcheninfektion und braucht in der Regel eine kurze Distanz. Das Krankheitsbild ist wenig spezifisch: Die Krankheitsschwere – gemessen an der Notwendigkeit eines Krankenhausaufenthaltes oder der assoziierten Sterblichkeit – ist meist gering, die Infektionszahlen sind dafür meist hoch. Immer wieder kommt es jedoch zu einzelnen schweren Verläufen, mitunter auch zu Ausbrüchen oder gar Pandemien. Die Erfahrungen mit Covid-19 lassen sich zunehmend einbetten in das Verständnis, das wir von den vielen anderen respiratorischen Viren haben, und trotzdem ist die Situation jetzt (noch) anders. Der Vortrag möchte die Covid-19-Erkrankung zunächst aus der Sicht des Arztes am Krankenbett beschreiben und davon ausgehend Infektion und Übertragung mit ihren möglichen Konsequenzen ansprechen.

 

Prof. Dr. Magnus Striet (Institut für Systematische Theologie, AB Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie)
Theologie im Zeichen der Corona-Pandemie?

Online ab Dienstag, 15.12.20

Prof. Dr. Magnus Striet

Nachdem im Jahr 1348 in Florenz die Pest gewütet und unzählige Menschen in den Tod gerissen hatte, riskierte es Giovanni Boccaccio in seinem „Decamerone“, von der „Grausamkeit des Himmels“ zu sprechen. Der Theologie von einem strafenden Gott konnte er nichts mehr abgewinnen. Auch danach registrierten immer wieder Intellektuelle, von Heinrich von Kleist über Georg Büchner bis hin zu Albert Camus, um nur einige wenige Namen zu nennen, dass herkömmliche theologische Denkfiguren kaum in einer plausiblen Weise erklären können, warum es zu Naturkatastrophen kommt, wo doch angeblich bei Gott nichts unmöglich und er die Liebe sein soll.
Anlässlich der derzeit grassierenden Corona-Pandemie ist ein eigentümliches Schweigen der Theologie zu beobachten. Hat sie nichts zu sagen? Die Kirchen und Religionsgemeinschaften reagieren mit Aktivismus, intellektuelle Deutungsangebote aber sind nicht zu verzeichnen. Der Vortrag wird Probleme eines theologischen Umgangs mit Naturkatastrophen aufdecken, aber auch einen spekulativen Ausblick wagen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Lars P. Feld (Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik / Walter Eucken Institut)
Die ökonomischen Auswirkungen der Corona-Pandemie

Online ab Dienstag 12.01.21

Prof. Dr. Dr. h.c. Lars P. FeldDie Corona-Pandemie hat zur schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit geführt – nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. In diesem Vortrag soll erstens auf diese wirtschaftlichen Effekte in der kurzen Frist, also im Sinne des Konjunkturverlaufs bis ins kommende Jahr eingegangen werden. Zweitens verstärkt die Krise verschiedene Strukturwandlungen, die schon zuvor zu beobachten waren, etwa in der Automobilwirtschaft oder im Maschinenbau, oder löst neue aus. Drittens stellt sich die Frage, ob es längerfristige Umwälzungen des Wirtschaftens, etwa hinsichtlich der Globalisierung, geben wird. Diesen mittel- bis langfristigen Effekten geht die Analyse nach.


Prof. Dr. Jens-Peter Schneider (Lehrstuhl für Öffentliches Recht mit Europäischem Verwaltungs-, Informations- und Umweltrecht)
Krisenbewältigung im demokratischen Rechtsstaat: Die Covid-19-Pandemie

Online ab Dienstag, 26.01.21

Prof. Dr. Jens-Peter SchneiderBundeskanzlerin Merkel bezeichnet das Corona-Virus als „demokratische Zumutung“. Der Vortrag widmet sich der Frage, wie Deutschland diese demokratische und auch rechtsstaatliche Zumutung bislang bewältigt hat und welche verfassungsrechtlichen Rahmenvorgaben hierbei leitend waren und künftig sein werden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den Umgang der Verfassung mit staatlichen und gesellschaftlichen Wissensproblemen gelegt. Welche Einschätzungsspielräume zur Verwirklichung des Vorsorgeprinzips bestehen in pandemischen Ungewissheitslagen für Behörden, Regierungen und Parlamente? In welchem Maße fordert die Verfassung die Einbeziehung von Expertenwissen und welche Grenzen setzt die Verfassung einer sogenannten Expertokratie? Wie ändern sich rechtliche Anforderungen bei zunehmendem virologischem Kenntnisstand? Wie ist das Verhältnis zwischen individueller Selbstverantwortung und gesellschaftlicher Solidarität unter dem Grundgesetz? Was bedeutet dies für die gerichtliche Kontrolle von staatlichen Ungewissheitsentscheidungen in akuten Krisenzeiten mit erheblichen Eingriffen in die Grundrechte? Und ganz konkret: Was folgt aus alledem beispielsweise für die Versammlungsfreiheit oder Maskenpflichten?

 

Prof. Dr. med. Carl Eduard Scheidt (Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg)
Soziale Bindung und Kommunikation im Zeichen der Pandemie

Online ab Dienstag, 09.02.21

Prof. Dr. med. Carl Eduard ScheidtIn seinem epochalen Werk über die „Kulturgeschichte der Seuchen“ (1997) beschreibt S. Winkles die historischen Umstände der großen Epidemien und ihre kulturelle Reflexion und Bearbeitung in Kunst, Musik und Literatur. Über die unterschiedlichen Epochen hinweg zeigen sich bei aller Differenz auch Ähnlichkeiten in den psychischen und sozialen Phänomenen, die im Kontext der Pandemien beobachtbar werden. Diese betreffen einerseits die Folgen des (unfreiwilligen) Getrenntwerdens etwa durch Maßnahmen der Quarantäne und der Isolation, andererseits die Folgen der sozialen Seklusion, d.h. der freiwilligen oder erzwungenen Gemeinschaft. Liebe und Hass in den menschlichen Beziehungen werden durch beide Umstände verstärkt und können ins Extreme gesteigert pathologische Formen annehmen. Schließlich steht über allem die Angst, Angst vor Krankheit und Tod oder Verlust. Die durch Angst ausgelösten psychischen Veränderungen und die sie begleitenden sozialpsychologischen Reaktionen nehmen nicht selten paranoiden Charakter an. Wie sich in der Geschichte immer wieder gezeigt hat, führt dies zu schweren sozialen Ausgrenzungen. Die Perspektive, aus der wir im Vortrag diese Themen diskutieren, wird die psychoanalytische Sozialpsychologie und die Entwicklungspsychologie sein, aus der wir ein Verständnis der Bedeutung sozialer Bindungen sowie der Psychologie von Bindung, Trennung und Angst gewinnen.

 

 

 

Mit freundlicher Unterstützung der Volksbank Freiburg und der Badischen Zeitung