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Neues aus der Kultur – und ihren Wissenschaften

Studium generale der Universität Freiburg und Volkshochschule Freiburg


 

‚Kultur‘ (von lateinisch cultura = Anbau, Pflege) meint als Sammelbegriff die Gesamtheit der symbolischen Ordnungen, von Seh- und Sprechweisen, Artefakten und ways of worldmaking (Nelson Goodman), in denen Gesellschaften ihr Zusammenleben organisieren und interpretieren und so etwas wie Grammatiken kollektiver Sinnbildung und Selbstverständigung entwerfen. Um diesen weiten, offenen und pluralen Kulturbegriff hat sich ein ganzes Ensemble von Geistes- und Kulturwissenschaften gebildet, die sich – in unterschiedlichen disziplinären Ausrichtungen und mit ihren je eigenen Fragestellungen und Methoden – um Artikulationen von ‚Kultur‘ kümmern, in historisch-diachroner wie in zeitgenössisch-synchroner Perspektive, mit unterschiedlichen Akzentuierungen auf Sprachen und Sprechweisen, auf literarischen oder materiellen Artefakten, auf Daten und Konstellationen der ‚Erinnerungskultur‘ und des kulturellen Gedächtnisses, aber auch auf der permanenten Infragestellung und Neuverhandlung solcher Setzungen, Identitätsbehauptungen, Geltungsansprüche. Die 16 Vorträge der Reihe Neues aus der Kultur – und ihren Wissenschaften wollen in ebenso repräsentativen wie sinnfälligen Einzelstudien Woche für Woche beispielhafte Einblicke eröffnen in die Vielfalt und Dynamik, mit der heutige akademische Kulturwissenschaften ihre Gegenstände erforschen, sie immer neuen Analysen und Revisionen unterziehen und mit dieser prinzipiell unabschließbaren ‚Arbeit an der Kultur‘ beitragen zu unserem kollektiven Verständnis der Welt und ihrer offenen Bedeutungs- und Möglichkeitshorizonte.

Die Vorträge werden – nach einem inzwischen gut eingespielten Verfahren – in wöchentlicher Folge vom bezeichneten Datum an online gestellt und bleiben für den Gesamtzeitraum des Wintersemesters 2021/22 verfügbar.

Zu finden sind die Vorträge jeweils über die Links bei den einzelnen Vorträgen und gesammelt auf dem Medienportal des Studium generale.


Prof. Dr. Michael Schwarze
Diesseitiges Jenseits: Überlegungen zum Zeit-Raum in Dantes Göttlicher Komödie

In Zusammenarbeit mit der Dante Alighieri Gesellschaft Freiburg e.V.

Online ab 20.10.21

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Die Göttliche Komödie von Dante Alighieri, dessen Tod sich in diesem Jahr zum 700. Male jährt, erzählt in 14233 Versen und 100 Gesängen von der Vision einer Jenseitsreise, deren Ausgangpunkt auf den Karsamstag des Jahres 1300 zu datieren ist. Im Zentrum der Inszenierung dieses die Grenzen der geschichtlichen Welt überschreitenden Unterfangens stehen die Abenteuer eines lebendigen Menschen, der ebenfalls den Namen ‚Dante‘ trägt.

Diese Figur trägt gewissermaßen die geschichtliche Welt des Diesseits in die jenseitigen Reiche von Hölle, Läuterungsberg und Paradies. Es resultiert aus dieser Grundkonstellation für die Commedia ein raum-zeitlicher Kosmos besonderer Art, in dem das das Verhältnis von Diesseits und von Jenseits permanent zur Diskussion steht.

Der Vortrag zeigt, wie Dantes Text dieses Verhältnis entwickelt. Er vertritt die These, dass wir es bei der Göttlichen Komödie mit einer Jenseits-Konstruktion zu tun haben, die Diesseitiges und Jenseitiges zu einem spezifisch literarischen Zeit-Raum verbindet. Die Besonderheit dieses Verfahrens besteht darin, dass es sich gleichermaßen aus den im Spätmittelalter geltenden Vorstellungen von der jenseitigen und der diesseitigen Welt speist, ohne einem der beiden Regime (im Sinne dualistischer Daseinsvorstellungen) den Vorzug zu geben.

Michael Schwarze ist Professor für Romanische Literaturen mit Schwerpunkt Italienische Literatur an der Universität Konstanz und seit 2021 Prorektor für Studium und Lehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

 

Prof. Dr. Ronald G. Asch
Der Streit um die symbolische Präsenz der Vergangenheit im öffentlichen Raum: Denkmalstürze in Großbritannien

Online ab 27.10.21

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Seit wenigen Jahren ist in vielen europäischen Ländern – freilich eher in den protestantischen des Nordens als den katholischen des Südens – ein Streit um Denkmäler und Straßennamen entbrannt. Sind Figuren der Vergangenheit, die einst als Helden gefeiert wurden, noch wert öffentlich erinnert zu werden, wenn ihre Taten und Worte nicht mehr unseren heutigen Wertvorstellungen entsprechen? In Großbritannien wird dieser Streit mit Blick auf Persönlichkeiten wie Cecil Rhodes, den Rand-Lord, aber auch auf Gladstone und Churchill besonders erbittert geführt. Die dunklen Kapitel der eigenen kolonialen Geschichte, die außerhalb akademischer Debatten im allgemeinen Bewusstsein früher eher weniger präsent waren, treten heute stärker in den Vordergrund, auch auf Grund der demographischen Veränderung der Gesellschaft durch Immigration. Aber man ist auch mit einem Streben nach absoluter moralischer Reinheit und mit einer Symbolpolitik konfrontiert, die dahin tendieren, Europa und den Westen für das Böse schlechthin in der Weltgeschichte zu halten. Zum Teil greifen auch einfach die „culture wars“ aus den USA auf Europa über. Der Vortrag setzt sich mit den Debatten und Konflikten in Großbritannien auseinander und fragt u.a. am Beispiel der Figur Oliver Cromwell, in welchem Maße wir Figuren der Vergangenheit an unseren Maßstäben messen können oder sollen, wenn es um ihre Denkmalwürdigkeit geht.

Ronald G. Asch war bis zu seiner Emeritierung im September 2021 Inhaber der Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit am Historischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität. Er ist Mitglied der Philosophisch-Historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

 

Prof. Dr. Dr. Michael Fischer
„Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“ – Zum 150jährigen Jubiläum der Revolutionshymne Die Internationale

Online ab 03.11.21

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Seit es Lieder gibt, werden diese auch als Form des Protests benutzt. Lieder kritisieren soziale und politische Missstände, fordern Partizipation und Gleichberechtigung ein – oder stellen sich in den Dienst staatlicher Propaganda.

Ein eigenes Genre stellen diejenigen politischen Lieder dar, die in der Tradition der Französischen Revolution von 1789 stehen. Zu dieser Gattung gehört auch die „Internationale“, ein Gesang, den Eugène Pottier im Umfeld der Pariser Kommune im Jahr 1871 geschaffen hat. In Deutschland ist dieses Lied seit 1900 verbreitet und spielt im Selbstverständnis der Sozialdemokratie ebenso wie bei kommunistischen Strömungen eine große Rolle – bis in die Gegenwart hinein.

Durch die Erfahrungen des „real existierenden Sozialismus“ in der DDR, der Sowjetunion oder China wurde die Revolutionshymne zwar diskreditiert – aber dennoch leuchtet in der „altmodisch pathetischen Hymne“ noch immer „der humanistische Glutkern der Revolution“ auf, „die Hoffnung auf Freiheit, auf Gerechtigkeit und Humanität,“ wie Wolf Biermann meinte. Und tatsächlich sind die von Pottier kämpferisch artikulierten Ideale keineswegs überholt, sondern formulieren auch 150 Jahre später eine bleibende und nur in einem internationalen Rahmen zu lösende Aufgabe.

Michael Fischer ist Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg und Honorarprofessor an der Hochschule für Musik Freiburg.

 

Prof. Dr. Helga Kotthoff
Gendern auf Teufel*in komm raus? – Sprachreformen zwischen berechtigtem Anliegen und bedenklicher Symbolpolitik

Online ab 10.11.21

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Kaum ein Tag vergeht in den Medien ohne Veröffentlichung eines Beitrags zum Gendern. Fahrenholz und Riehl diskutieren beispielsweise in der SZ vom 19./20. 6. 21, wie und ob Gendern eine Rolle im Wahlkampf spielen wird. Oh ja. Und wie! Die AfD und Friedrich Merz möchten es verbieten, bei den Grünen ist hingegen das gesamte Programm durchgesternt.

Ich werde im Vortrag kurz die Geschichte dieser um gleiche Repräsentanz der Geschlechter bemühten Sprachreform aufrollen und Einblick in die linguistische und kognitionspsychologische Forschung dazu geben. Dann widme ich mich der Pro- und Kontra-Kontroverse, die kaum Zwischentöne zu kennen scheint und auf beiden Seiten mit Verkürzungen arbeitet, von denen ich einige aufzeigen möchte. So ignoriert die Kontra-Seite (Eisenberg 2018) die Ergebnisse der Forschung zu Erstassoziationen bei Personennennungen in Kurztexten, und die Pro-Seite überbewertet diese Ergebnisse so erheblich, dass sie bei Sprachdeterminismus landet. Außerdem schreiben sich sozialsymbolische Aufladungen in verschiedene Stile des Genderns ein, auf die ich ebenfalls eingehen werde (Kotthoff 2020).

Eisenberg, Peter (2018): Finger weg vom generischen Maskulinum. Tagesspiegel 8. 8. 2018.

Fahrenholz, Peter/Riehl, Katharina (2021): Griff nach dem Stern. Süddt. Zeitung, 19./20. 6. 2021

Kotthoff, Helga (2020): Gender-Sternchen, Binnen-I oder generisches Maskulinum, … (Akademische) Textstile der Personenreferenz als Registrierungen? Linguistik Online, 103(3), 105–127. https://doi.org/10.13092/lo.103.7181

Helga Kotthoff war bis zu ihrer Emeritierung Inhaberin der Professur für Deutsch als Fremdsprache am Deutschen Seminar (Abteilung Germanistische Linguistik) der Universität Freiburg.

 

Prof. Dr. Thomas Klinkert
Der Zusammenhang von Erinnern und Reisen bei Marcel Proust

Online ab 17.11.21

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Prousts „Recherche“ ist ein Roman der Erinnerung und ein Roman des Reisens. Die beiden Phänomene sind eng miteinander verbunden. Zunächst sind da die imaginären Reisen, die der Protagonist als Kind mit Hilfe des Eisenbahnfahrplans unternimmt. Dann kommen die tatsächlichen Reisen, die systematisch die Erwartungen des Jugendlichen oder jungen Erwachsenen enttäuschen, der einst als Kind davon träumte, nach Balbec oder Venedig zu reisen. Der Text stellt somit eine Erinnerungsbeziehung her, die mit dem Reisen zusammenhängt. Schließlich sind da die Reisen, die durch die unwillkürliche Erinnerung wieder vergegenwärtigt werden: Man denke an die unebenen Pflastersteine im Hof des Hôtel de Guermantes, über die das erlebende Ich bei der Matinée Guermantes stolpert und die ihn an die unebenen Bodenplatten des Baptisteriums von San Marco erinnern und ihm gleichzeitig ein köstliches Vergnügen bereiten. Die Erinnerungsarchitektur des Proust'schen Romans ist somit eng verknüpft mit Reiseerfahrungen. Dieser Vortrag möchte anlässlich des 150. Geburtstages von Marcel Proust (1871-1922) die systematische Beziehung zwischen Reisen und Erinnern und die poetologische Funktion dieser Beziehung in der „Recherche“ untersuchen.

Thomas Klinkert ist seit 2015 Ordentlicher Professor für Französische Literaturwissenschaft am Romanischen Seminar der Universität Zürich.

 

Prof. Dr. Ralf von den Hoff
Deformierte Körper als Spektakel im antiken Rom

Online ab 24.11.21

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06 vdHoff Foto-Jürgen Gocke.jpgIm antiken Griechenland und Rom waren entblößte Körper oft sichtbar, ihre Bilder sogar omnipräsent: Götter und Heroen wurden nackt dargestellt, und nackte Porträtstatuen sogar der Kaiser bevölkerten öffentliche Räume der antiken Städte und Heiligtümer. Idealisierte, trainiert erscheinende Männerkörper dominierten dabei die visuellen Erfahrungen. Ein bezeichnender Fall für die Inszenierung dieser exklusiven Körperideologie ist um 210 n. Chr. in den ‚Caracallathermen‘ in Rom zu beobachten: Neben gewaltigen marmornen Statuen wie dem muskulösen ‚Hercules Farnese‘ stand in der spektakulären Badeanlage auch die kleine Porträtstatue eines bucklig dargestellten Mannes. Der Vortrag geht der Frage nach, welche visuellen Effekte und kulturellen Praktiken damit verbunden waren. Was erfahren wir über die Besucher der Thermen im kaiserzeitlichen Rom, wenn sie an solchen Bildern als Spektakel und Luxus Gefallen fanden?

Ralf von den Hoff ist Professor für Klassische Archäologie am Institut für Archäologische Wissenschaften und Sprecher des SFB 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne“ an der Universität Freiburg.

 

Prof. Prof. h.c. Dr. Dr. h.c. Elisabeth Cheauré
Literatur ins Museum? – ‚Muße‘ als Gestaltungsprinzip im neuen Literaturmuseum Baden-Baden

Online ab 01.12.21

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Im Oktober 2021 wird das neue Muße-Literaturmuseum in Baden-Baden eröffnet, Ergebnis einer intensiven Kooperation mit dem Freiburger Sonderforschungsbereich 1015 (Muße). Was bedeutet es eigentlich, mehr ‚Muße‘ in ein Museum zu bringen? Und kann man ‚Literatur‘ überhaupt in befriedigender Weise ausstellen? Der Vortrag bietet nicht nur einen Blick hinter die Kulissen eines langjährigen Arbeitsprozesses, sondern plädiert zugleich auch für die ‚Third Mission‘ der Universitäten, also die Aufgabe, wissenschaftliche Erkenntnisse mit der Gesellschaft zu teilen und gemeinsam mit ihr weiterzuentwickeln.

 Elisabeth Cheauré, bis 2020 Professorin für Slavische Philologie (Literaturwissenschaft), leitet als Seniorprofessorin das Internationale Graduiertenkolleg 1956 (Kulturtransfer und kulturelle Identität) und das Zwetajewa-Zentrum für russische Kultur an der Universität Freiburg. Sie ist gemeinsam mit Regine Nohejl Kuratorin des neuen Muße-Literaturmuseums Baden-Baden.

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Christian Mair
„Wie sollen wir es sagen?“ – Wer entscheidet über Benennungen für Neues?

Online ab 08.12.21

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In meinem Vortrag werde ich der Frage nachgehen, wie wir Neues und Unerhörtes – technische Innovationen, historische und gesellschaftliche Umbrüche, Naturkatastrophen – sprachlich in den Griff bekommen. Warum Nine Eleven und nicht The Bin Laden Terrorist Attacks? Warum Brexiteer und nicht Leaver? Wir werden versuchen, diejenigen Sprecherinnen und Sprecher ausfindig zu machen, die erfolgreiche neue Wörter geprägt und zuerst verwendet haben – und dabei sehen, dass dies in den meisten Fällen nicht möglich ist. Mit den modernen Methoden digitaler Textanalyse leichter zu erforschen sind dagegen die Faktoren, die dazu führen, dass sich nach einer anfänglichen Phase kreativer Konkurrenz bestimmte Termini in einer Sprachgemeinschaft durchsetzen. Als Anglist beziehe ich meine Beispiele überwiegend aus dem Englischen. Die Anlässe für die lexikalische Kreativität – vom Brexit bis zur Corona-Pandemie – betreffen uns alle.

Christian Mair ist seit 1990 Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Freiburg und seit 2014 ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

 

Prof. Dr. Katharina Grätz
Letzte Menschen – höhere Menschen – Übermenschen. Menschlich-Unmenschliches in Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra

Online ab 15.12.21

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Die Idee des Übermenschen hat Nietzsches Rezipienten von früh an in besonderer Weise fasziniert. Darüber geriet und gerät häufig in Vergessenheit, dass Also sprach Zarathustra dem Konzept des Übermenschen flankierend eine Vielfalt von Entwürfen des Mensch-Seins an die Seite stellt, ja ein ganzes Panoptikum menschlicher Existenzformen aufbietet. Bei diesen Entwürfen handelt es sich nicht allein um Wunschbilder, sondern ebenso auch um Negativvisionen, um abschreckende und stark verzerrte Bilder eines verkümmerten Menschen. Mit meinem Vortrag möchte ich das Panorama dieser unterschiedlichen anthropologischen Entwürfe auffächern und danach fragen, in welches Verhältnis der Text sie zueinander rückt. Also sprach Zarathustra soll so als ein Werk erschlossen werden, das die Möglichkeiten des Mensch-Seins in vielfältiger und schillernder Weise ausleuchtet und dem schwerlich ein konkretes Leitbild eines neuen Menschen abzuringen ist.

Katharina Grätz ist außerplanmäßige Professorin am Deutschen Seminar (Abteilung Neuere Deutsche Literatur) der Universität Freiburg und Wissenschaftliche Kommentatorin in der Forschungsstelle „Nietzsche-Kommentar“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

 

Prof. Dr. Gabrielle Oberhänsli-Widmer
Mark Warschavski Der alef bejs: ein Juwel jiddischer Sprache und Literatur

Online ab 22.12.21

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Obwohl das Jiddische gemeinhin in Osteuropa verortet wird, hat die Sprache ihre Wurzeln im Rhein-Donau-Gebiet und weist eine enge Verwandtschaft mit mittelalterlichen germanischen Dialekten auf. Jiddisch gehört mithin zum deutsch-jüdischen Erbe, welchem im aktuellen Gedenken an 1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland besondere Aufmerksamkeit zukommen soll. Zur Veranschaulichung dient dabei das populäre Lied „Der alef bejs“ des ukrainisch-jüdischen Dichters Mark Warschavski (1848-1907). Dieses unprätentiöse „Alphabet“ ermöglicht zunächst einen Blick in die jiddische Sprache und Literatur. Darüber hinaus birgt das scheinbar harmlose Szenario einer bescheidenen Schulstube nicht wenige Motive talmudischer Mythologie und rabbinischer Weisheit. Dem ist nachzugehen! Mark Warschavskis vertonte Verse versprechen auf jeden Fall eine eindrucksvolle Begegnung.

Gabrielle Oberhänsli-Widmer ist Inhaberin der Professur für Judaistik am Orientalischen Seminar der Universität Freiburg.

 

Dr. Tobias Streck
Das Badische Wörterbuch zwischen Tradition und Digitalisierung

Online ab 12.01.22

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Mit seiner inzwischen rund 100-jährigen Geschichte gehört das „Badische Wörterbuch“ zu den Langzeitprojekten an der Universität Freiburg und spiegelt auch einen langen und durch große technische Fortschritte geprägten Abschnitt der Geschichte der deutschen Dialektlexikographie wider. Inzwischen sind die Arbeiten am Wörterbuch weit fortgeschritten, und es muss „nur noch“ die Fertigstellung des fünften (und zugleich letzten) Bandes geleistet und abgesichert werden.

In dem Vortrag wird – nach einem Überblick über die Geschichte, das Arbeitsgebiet und das verwendete Belegmaterial – dargestellt, wie das Wörterbuch aufgebaut ist und welche vielfältigen Informationen die Wortartikel bieten. Überdies wird ein Einblick in die „Wörterbuchwerkstatt“ gegeben. Es wird gezeigt, wie im 21. Jahrhundert am Badischen Wörterbuch gearbeitet wird und wo diesbezüglich heutzutage Vorteile und Grenzen der Digitalisierung bestehen. In diesem Zusammenhang wird auch auf die öffentliche digitale Verfügbarkeit zweier traditionsreicher volkskundlicher und dialektologischer Datenschätze aus dem „Umfeld“ des Badischen Wörterbuchs aufmerksam gemacht, die möglicherweise vielen noch nicht bekannt ist.

 Tobias Streck ist Akademischer Oberrat und Leiter der Arbeitsstelle Badisches Wörterbuch am Deutschen Seminar (Abteilung Germanistische Linguistik) der Universität Freiburg.

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Osterhammel
Everybody's Darling: Alexander von Humboldt als Multitalent, Nationalikone und Globalintellektueller

Online ab 19.01.22

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Seit seiner amerikanischen Forschungsreise der Jahre 1799 bis 1804 ist Alexander von Humboldt (1769-1859) niemals aus dem Bewusstsein seiner Zeitgenossen und später der Nachwelt verschwunden. Das Humboldt-Jahr 2019 hat ihn ausgiebig gefeiert. Die Forschung entdeckt immer noch neue Schriften und Briefe aus seinem unermesslichen Fundus. Während Goethe stets Gegner hatte und Kant neuerdings als Rassist angegriffen wird, bleibt Humboldt – neben Beethoven – der weltweit berühmteste Deutsche des 18. und 19. Jahrhunderts und ein unangefochtenes Objekt universaler Bewunderung. Warum ist er so bekannt, beliebt und unumstritten? Wer Heldenverehrung grundsätzlich skeptisch sieht, wird auch bei Humboldt Schwächen und Widersprüche entdecken. Aber keine Sorge: Für eine Demontage Humboldts besteht kein Anlass. Nur ist er vielleicht aus den falschen Gründen berühmt.

Jürgen Osterhammel war bis zu seiner Emeritierung Inhaber der Professur für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz und ist seit 2019 Distinguished Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS).

 

Prof. Dr. Hanna Klessinger
‚Brecht ohne Brecht‘. Formen des epischen Theaters im Gegenwartsdrama

Online ab 26.01.21

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Verfremdungseffekte à la Brecht sind im Gegenwartsdrama und -theater allgegenwärtig, etwa in Form von digitalen oder analogen Texttafeln und Spruchbändern, eingefügten Erzählpassagen und selbstreflexiven Rollenspielen. Spätestens seit der sogenannten Postdramatik der 1970er bis 90er Jahre lösen sich neue epische Theaterformen von wesentlichen Prämissen Brechts, etwa vom zentralen Element der Fabel (Handlung). Man denke etwa an die assoziativen, oft rätselhaften „Textflächen“ Elfriede Jelineks. Bereits im Jahr 1980 fasste der Theaterwissenschaftler Andrzej Wirth neuere Tendenzen unter der Formel „Brecht ohne Brecht“ zusammen und zielte damit vor allem auf die Loslösung epischer Mittel von ihrer ursprünglich politischen Funktion. Der Vortrag beleuchtet, welchen Wandel epische Formen seither im Theater durchlaufen haben und welch entscheidende wirkungsästhetische Funktion ihnen gerade in der jüngeren Gegenwartsdramatik zukommt. Analysiert werden neuere Stücke von René Pollesch, Roland Schimmelpfennig und Anne Lepper. Hierbei soll auch gefragt werden, wie politisch das aktuelle neo-epische Theater (wieder) ist. 

Hanna Klessinger ist außerplanmäßige Professorin am Deutschen Seminar (Abteilung Neuere Deutsche Literatur) der Universität Freiburg.

 

Prof. Dr. Joachim Grage
Was sind musikalische Heldentaten? Überlegungen zur Heroisierung von Virtuosen und Komponisten

Online ab 02.02.22

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Der Vortrag widmet sich Heroisierungsstrategien im Bereich der Musik und der Literatur. Vor dem Hintergrund aktueller Forschungen zum Heldentum sollen Heroisierungsprozesse von Virtuosen und Komponisten im Fokus stehen, wobei Franz Liszt und Ludwig van Beethoven exemplarisch in den Blick genommen werden. Ein weiteres Augenmerk liegt auf der Reflexion der Heroisierungen von Musikern in der Literatur. Anhand einzelner Texte von Hans Christian Andersen und August Strindberg soll das Identifikationspotential heroischer Musiker in Abgrenzung zur Literatur anschaulich gemacht und diskutiert werden.

Joachim Grage ist Professor für Nordgermanische Philologie (Neuere Literatur- und Kulturwissenschaft) am Skandinavischen Seminar der Universität Freiburg und seit 2016 Teilprojektleiter im Freiburger SFB 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“.

 

Dr. Heinrich Schwendemann
Die erste Kolonie? Das Elsass im Kaiserreich

Online ab 09.02.22

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Während der Zabern-Affäre 1913 bezeichnete der deutsche Kronprinz die Elsässer als „Eingeborene“ und empfahl den Militärs an diesen ein „Exempel zu statuieren“: „Immer-feste-druff!“ Im Wikipedia-Artikel zur Geschichte des Elsass ist heute zu lesen, dass das „Reichsland“ Elsass-Lothringen „ähnlich einer Kolonie von Behörden des Reichs und Preußens verwaltet“ worden sei. Und in der Publizistik lässt sich immer wieder das Argument finden, dass das Elsass eine Art Experimentierfeld für die spätere deutsche Kolonialpolitik in Übersee gewesen sei. Gewiss: Die Mehrheit der Elsässer sah sich wider Willen 1871 in das neugegründete Kaiserreich hineingezwungen und fühlte sich in den kommenden Jahrzehnten als Deutsche zweiter Klasse behandelt. Aber das Bild ist nicht so dunkel wie es mitunter gezeichnet wird: Die Elsässer waren keinesfalls bloße Untertanen einer preußisch-deutschen Obrigkeit, sondern entwickelten ein starkes regionales Sonderbewusstsein, das etwa in der örtlichen Presse oder ab 1874 im Reichstag bzw. ab 1911 in einem Landtag selbstbewusst vertreten wurde. Diese spezifische Form eines Partikularismus kam auch nach der zunächst euphorisch bejubelten Rückkehr nach Frankreich zum Tragen: Der französische Nationalstaat sah sich nach 1918 mit einer massiv auftretenden elsässischen Autonomiebewegung konfrontiert.

Im Vortrag soll in Auseinandersetzung mit der Kolonisierungsthese ein differenziertes Bild der Geschichte des Elsass zwischen 1871 und 1918 gezeichnet werden. 

Heinrich Schwendemann ist Akademischer Oberrat und Geschäftsführer am Historischen Seminar (Neueste Geschichte) der Universität Freiburg.

 

Prof. Dr. Hans W. Hubert
Symmetrie – ein Zentralbegriff der Architekturgeschichte: Zum Bedeutungswandel eines ästhetischen Konzepts

Online ab 16.02.22

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Symmetrie bedeutet in der Ästhetik so viel wie um einen Punkt oder entlang einer Achse hergestellte „Spiegelbildlichkeit“ eines Bildes oder Objektes, und mit diesem Konzept wird heute in zahllosen Disziplinen gearbeitet. Im Fach Kunstgeschichte spielt Symmetrie als Gestaltungsmerkmal vor allem in der Architektur eine zentrale Rolle. Der Vortrag will allerdings verdeutlichen, dass der Begriff ursprünglich eine völlig andere Bedeutung besaß und seine heute gebräuchliche Semantik erst in der Frühen Neuzeit gewonnen hat. Wo kommt der Begriff eigentlich her, und wie war sein ursprünglicher Sinn? Wann und vor allem: warum hat er sich gewandelt? Vor welchem Hintergrund setzt die Kritik an ihm ein? Welche Ideen und Ideologien wurden mit dem Konzept verbunden? Dies sind die Fragen und Aspekte, die in dem Vortrag aus kunst- bzw. architekturgeschichtlicher Perspektive thematisiert werden.

Hans W. Hubert ist Professor am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Freiburg und stellvertretender Vorsitzender des Freiburger Münsterbauvereins.

 

 

Mit freundlicher Unterstützung der Volksbank Freiburg, des Verbands der Freunde der Universität Freiburg und der Badischen Zeitung