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Freiburger Wintervorträge

Studium generale der Universität Freiburg und Volkshochschule Freiburg

  Platz der Alten Synagoge (c) Sandra Meyndt

 

Im Sommersemester 2020 behielt Covid-19 die Oberhand – wie viele andere Kultureinrichtungen mussten auch Studium generale und Colloquium politicum ihr komplettes Veranstaltungsangebot kurzfristig absagen. Im Wintersemester 2020/21 wollen wir den Neustart wagen und der universitären wie städtischen Öffentlichkeit auch unter fortdauernden Corona-Bedingungen wieder ein attraktives und abwechslungsreiches Vortragsprogramm bieten. Da Präsenzvorträge in den Hörsälen der Universität und in realer Anwesenheit des Publikums aufgrund der geltenden Einschränkungen noch nicht wieder möglich sind, haben wir stattdessen ein digital abrufbares Online-Programm für Sie zusammengestellt, das aus zwei Komponenten besteht: einem kleineren, thematisch geschlossenen Zyklus zur „Herausforderung Corona“ und diese Serie von „Freiburger Wintervorträgen“. Dieser Zyklus thematisch unabhängiger Einzelvorträge ausschließlich von Referentinnen und Referenten aus dem Kollegium der Albert-Ludwigs-Universität widmet sich (unter der aus Goethes Faust entnommenen Devise: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“) in offener Folge einer reichhaltigen Palette von Themen aus Literatur, Kunst und Geschichte, aus Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Zum Auftakt der Reihe wird die neue Rektorin der Universität, Frau Prof. Dr. Kerstin Krieglstein, in diesem Forum ihre Vorstellungen von den zeitgemäßen Aufgaben einer Universität und ihrer Rolle in der modernen Gesellschaft präsentieren.

Alle Vorträge können kostenlos „besucht“ werden.
Jeder Einzelvortrag wird zum angegebenen Zeitpunkt bereitgestellt und bleibt für den gesamten Zeitraum des Wintersemesters zugänglich. In einigen gekennzeichneten Ausnahmefällen, die wir zu beachten bitten, gelten kürzere Bereitstellungsfristen.

Zu finden sind die Vorträge jeweils auf dem Medienportal des Studium generale und über den Link unter dem Bereitstellungsdatum der Vorträge.

Prof. Dr. Kerstin Krieglstein, Rektorin der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Universität und Gesellschaft

Online ab Dienstag, 10.11.20

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Krieglstein, Kerstin (c) Jürgen GockeDie Gründung der Universität als Produktionsstätte von Wissenschaft und Bildung ist eine große Errungenschaft unserer Gesellschaft und reicht in ihren Anfängen viele Jahrhunderte zurück. Heute ist die Universität Teil einer vielfältigen Hochschullandschaft, die der gesamten Gesellschaft höhere Bildung offeriert. Die Universität war und ist jedoch mehr als eine Bildungseinrichtung, die lediglich Daten, Fakten und Methoden vermittelt. Sie ist der Ort, an dem die Neugier und der Entdeckungswille der Forschenden auch die Basis für die Lehre bilden. Sie ist der Ort, an dem Impulse aus aktiv betriebener Wissenschaft Einzug in Vorlesungen und Seminare halten und die Studierenden – die Expertinnen und Experten von morgen – zu evidenzbasiertem kritischem Denken und klugem Handeln befähigt werden.
Ob Klimawandel, Künstliche Intelligenz oder Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung: Die Gesellschaft ist mehr denn je auf Erkenntnisse aus der Wissenschaft angewiesen. Gleichzeitig gerät die Universität zunehmend unter Beschuss. In der Öffentlichkeit werden Stimmen laut, die Forscherinnen und Forscher als „realitätsferne Eliten“ diskreditieren, sich lieber „alternativen Fakten“ zuwenden und die persönliche Meinung zum Leitprinzip aller Entscheidungen und Handlungen erheben – auch wenn sie im Widerspruch zu empirisch gewonnen Ergebnissen steht.
In ihrem Vortrag befasst sich Prof. Dr. Kerstin Krieglstein, die neue Rektorin der Universität Freiburg, mit der Frage, was diese Entwicklungen bedeuten: Was macht die Universität des 21. Jahrhunderts aus, und wie kann sie ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nachkommen? Wie muss sie ihre Wissenschaftskommunikation gestalten, um der Öffentlichkeit als zuverlässige und unverzichtbare Impulsgeberin zu dienen, und wie kann ein neues Miteinander von Universität und Gesellschaft aussehen?

 

Prof. Dr. Achim Aurnhammer (Deutsches Seminar – Neuere deutsche Literatur)
Schillers Schädel in Goethes Hand.
Das Terzinengedicht Im ernsten Beinhaus war’s im Kontext von Goethes Gedächtnis-Poetik und -Politik

Online ab Donnerstag, 12.11.20

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In Zusammenarbeit mit der Goethe-Gesellschaft Freiburg und dem Deutschen Seminar

Prof. Dr. Achim AurnhammerMit Schillers Tod am 9. Mai 1805 endet die bedeutsame Allianz mit Goethe und das Jahrzehnt ‚gemeinschaftlichen‘ Arbeitens und die von den beiden führenden Dichtern Deutschlands geprägte Epoche, die als ‚Weimarer Klassik‘ bezeichnet wird. Das Nachleben Schillers in Goethes Denken und Dichten ist gut dokumentiert, und Goethes literarische Verarbeitungen seiner Verlusterfahrung in Form poetischer Reaktionen auf den Tod des Freundes sowie brieflicher und mündlicher Äußerungen sind hinlänglich erkundet. Allerdings beschränken sich die meisten Studien bislang auf zwei Aspekte, nämlich auf Goethes Trauerarbeit und auf die strittige Authentizität von Schillers Schädel. In dem Vortrag über Goethes Gedicht Bei Betrachtung von Schillers Schädel geht es aber weder um Goethes „befremdliche Teilnahmslosigkeit“ (Albrecht Schöne) noch um die Echtheit des Schädels, den Goethe im September 1826, als er das Gedicht schrieb, in der Hand hielt. Vielmehr wird aus dem Blickwinkel der Autorschaftsinszenierung paradigmatisch untersucht, wie Goethe seine subjektive Trauer poetisch objektiviert, wie er die private Freundschaft nachträglich zu einem epochalen Ereignis historisiert und verklärt und so der Goethe-Schiller-Kanonisierung als epochemachender Dyade vorarbeitet.

Mit einer Rezitation von Gregor Biberacher

 

Prof. Dr. Matthias Jestaedt (Institut für Staatswissenschaft und Rechtsphilosophie, Abteilung 3, Rechtstheorie)
Freiheit für 800 Millionen
70 Jahre Europäische Menschenrechtskonvention

Online ab Donnerstag, 19.11.20

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Prof. Dr. Matthias JestaedtÜber Jahrzehnte herrschte in Deutschland Einigkeit darüber, dass das Bundesverfassungsgericht in Sachen Grundrechtsschutz das Maß aller Dinge sei – und sich über ihm nur mehr der sprichwörtliche blaue Himmel befinde. Diese Wahrnehmung beginnt sich jedoch zu wandeln. Auch hierzulande wird allmählich deutlich, was im Gros der anderen Staaten des Europarats seit jeher als ausgemacht gilt: dass nämlich die europäische Benchmark des Grund- und Menschenrechtsschutzes die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg darstellt.
Die EMRK feiert am 4. November 2020 ihren 70. Geburtstag. Sie schützt die Menschenrechte – wie das Recht auf Leben, die Religions-, die Meinungs- oder die Versammlungsfreiheit – von mehr als 800 Millionen Menschen in den 47 Staaten des Europarats, darunter alle Staaten der EU, Großbritannien und die Schweiz, aber etwa auch Russland, die Ukraine und die Türkei. Jede Einwohnerin und jeder Einwohner kann den Straßburger Gerichtshof gegen menschenrechtsverletzende Entscheidungen des eigenen Heimatstaates anrufen. Dieses Menschenrechtssystem ist weltweit einzigartig. Die stark divergierende menschenrechtliche Situation in den 47 Vertragsstaaten stellt die EMRK mit ihrem Anspruch, einen menschenrechtlichen Mindeststandard zu garantieren, indes ebenso wie die große Zahl der Verfahren – jährlich sind es rund 50.000 – vor große Herausforderungen.

Prof. Dr. Dr. Katharina Domschke (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg)
Angst im Spiegel der Kunst

► Online vom 24.-30.11.20

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Prof. Dr. Dr. Katharina DomschkeWenn es um unangenehme Gefühle geht, schaut man gerne weg. Hier aber darf und soll man hinsehen! Anhand von Gemälden und Skulpturen, Fotographien und Installationen bekannter Künstler wie Francisco de Goya, Wilhelm Busch, Paul Klee, Arnulf Rainer, Damien Hirst oder Louise Bourgeois nähert sich dieser Vortrag dem Phänomen der Angst. Entlang der Bild- und Formensprache der Kunst werden verschiedene Aspekte von Angst und Angsterkrankungen aus dem Blickwinkel der Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie sowie der Kunstgeschichte vorgestellt – begleitet von Ausflügen in die Soziologie, Politik, Literatur, Musik, Philosophie und Theologie.

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Reinhard (Historisches Seminar)
Max Weber oder das Scheitern an der Religion

Online ab Donnerstag, 26.11.20

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Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang ReinhardDer Weltruhm Max Webers geht langsam, aber deutlich zurück. An seinem Lebensthema, der Bedeutung der Religion für die moderne Welt, ist er langfristig gescheitert. Das gilt nicht nur für seine Protestantismus-These, sondern auch für den aufwändigen Versuch, die These durch Vergleich mit anderen Weltreligionen auszuweiten und abzusichern. Er landet dabei in der kolonialistischen Orientalismus-Falle, indem er beweist, was er zuvor vorausgesetzt hatte. Umgekehrt wussten und wissen Vertreter anderer Religionen das protestantische Christentum zur Modernisierung ihrer eigenen Kulturen „auszuschlachten“. „Das Empire hat zurückgeschlagen“. Auch Karl Jaspers’ post-koloniale Alternative zu weltanschaulicher Kommunikation auf gleicher Augenhöhe im Zeichen einer „Achsenzeit“ ist ebenfalls gescheitert. Der viel berufene Aufschwung der Religionen besteht global gesehen in pluralistischer Beliebigkeit, die den Charakter von Religion überhaupt verändert hat. „Transzendenz“ ist immanent geworden. Unsere Religion ist längst nicht mehr diejenige Max Webers.

 

Prof. Dr. Martina Backes (Deutsches Seminar – Germanistische Mediävistik)
Auf Spurensuche.
Freiburger Frauenklöster und ihre Handschriften

Online ab Donnerstag, 03.12.20

Prof. Dr. Martina BackesVon den fünf mittelalterlichen Frauenklöstern, die im 13. Jahrhundert in rascher Folge in Freiburg entstanden, ist im heutigen Stadtbild nichts mehr erhalten. Mit den alten Gebäuden scheinen auch die Bücher der Konvente verschwunden, die das Leben der Frauen hinter den Mauern bestimmten und ihre religiöse Identität prägten. Der Vortrag begibt sich auf Spurensuche nach den zerstreuten Büchersammlungen und gibt am Beispiel einzelner erhaltener Handschriften einen Einblick in den Wissensraum Frauenkloster im spätmittelalterlichen Freiburg.

 

Prof. Dr. Jörn Leonhard (Historisches Seminar)
Die Gegenwart der Geschichte:
Die Pariser Friedensverträge 1919/20 und das 20. Jahrhundert

Online ab Dienstag, 08.12.20

Prof. Dr. Jörn Leonhard (c) Ekko von SchwichowAls im Frühjahr 1919 aus aller Welt Diplomaten und Staatsmänner nach Paris kamen, um den größten Krieg zu beenden, den die Welt bis dahin gesehen hatte, und eine neue Friedensordnung zu errichten, lag eine ungeheure Aufgabe vor ihnen. Die Friedenskonferenzen von Paris 1919/20 konfrontierten die Zeitgenossen noch einmal mit den globalen Folgen eines industrialisierten Massenkriegs. Je länger er gedauert hatte, desto mehr hatte er alle direkt oder indirekt in den Krieg involvierten Gesellschaften weltweit verändert, und desto rasanter hatte er das überkommene Wissen vieler Politiker, Diplomaten, Militärs und Experten entwertet. Das machte die Beantwortung der Frage, wie man diesen Krieg beenden konnte, umso schwieriger und prägte die Phase ab 1917, als mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, der Oktoberrevolution der Bolschewiki und den Friedensprogrammen des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson und W. I. Lenins eine Binnenschwelle des Krieges erreicht war. Der Vortrag blickt vor diesem Hintergrund zum einen auf die Schwelle von 1919/20 und den komplexen Weg vom Krieg zum Nachkrieg. Ob im Blick auf untergehende Reiche und neue Staaten, ethnische Minderheiten, das neue Massenphänomen von Flucht und Vertreibung oder die Ansätze zu multilateraler Konfliktlösung im Völkerbund und den neuen Völkerbundmandaten im Nahen Osten, in Afrika und Asien: Aus dem Versprechen des Friedens und seiner Umsetzung an vielen Orten der Welt entstand ein schwieriges Erbe, das bis in unsere eigene Gegenwart reicht. Daher konzentriert sich der Vortrag zum anderen auf die besondere Gegenwart dieser Geschichte: Denn der Moment von 1919/20 bedeutete weit über die Friedensverträge von Versailles, St. Germain, Trianon, Sèvres und Lausanne hinaus eine Probe für das, was man bis in die Gegenwart als Grundproblem der modernen Politik verstehen kann – die doppelte Spannung zwischen Erwartung und Erfahrung und zwischen dem Sagbaren und dem Machbaren.

 

Prof. Dr. Bernhard Neumärker (Götz Werner Professur (GWP) für Wirtschaftspolitik und Ordnungstheorie / Freiburger Institut für Grundeinkommensstudien, FRIBIS)
Bedingungsloses Grundeinkommen.
Auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Sozialen Marktwirtschaft

Online ab Donnerstag, 10.12.20

Prof. Dr. Bernhard NeumärkerSysteme des „Fordern und Fördern“ wie Hartz IV zeigen in zunehmendem Maße eklatante Schwächen des Sozialstaats auf. Auch wird verdeutlicht, dass sich die verschiedenen Säulen des Sozialstaats letztlich einseitig auf Erwerbsarbeit beziehen. Neben einem neuen ordoliberalen Konzept, das insbesondere auf Zeitsouveränität statt (scheinbarer) Konsumentensouveränität beruht, wird gezeigt, dass sich auch der Begriff der (Um)Verteilung und Ungleichheit nicht starr auf Einkommens- und Vermögenspositionen beziehen darf, um zentrale Herausforderungen sozialpolitischer Zukunft hinreichend zu beleuchten und zu lösen. In diesem Kontext wird das bedingungslose Grundeinkommen als konkurrenzlose Staatsmaßnahme eingeführt, das als einfache gesellschaftlich transparente Maßnahme Freiheits- und Gerechtigkeitsfragen in den Griff bekommen kann. Dazu zählen Fragen der Verteilung von Freizeitoptionen, Freiheit zu Kreativität und Muße, Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt und Freiheit von Ausbeutung. Mit solchen Reformtreibern des Sozialstaats wird die politische Relevanz des Grundeinkommens für den sozialstaatlichen Wandel aufgezeigt.


Prof. Dr. Rolf G. Renner (Deutsches Seminar – Neuere deutsche Literatur)
Edward Hopper als amerikanischer Maler

► Online vom 17.-23.12.20

Prof. Dr. Rolf G. Renner„Vielleicht bin ich nicht sehr menschlich. Mein Anliegen bestand darin, Sonnenlicht auf einer Hauswand zu malen“. Anders als es diese Äußerung vermuten lässt, ist in Hoppers Bildern das malerische Kalkül mit Bildentwürfen verbunden, auf die sich das Gefühl spontan einstimmen kann. Sein Versuch, Korrespondenzen zwischen inneren Erfahrungen und malerischen Sehweisen zu erfassen, Blick und Bild zur Deckung zu bringen, folgt einem für die Moderne typischen Bedürfnis: Er will die im Prozess der Zivilisation verschüttete Fähigkeit zur authentischen Wahrnehmung wiedergewinnen.
Der Autor Peter Handke vergleicht die Landschaften Hoppers mit den „leeren metaphysischen Plätzen de Chiricos“ und den „verödeten mondüberstrahlten Dschungelstädten Max Ernsts“. Er erfasst damit eine psychologische Spur, deren Bedeutung im Spätwerk Hoppers zunehmend Gewicht erhält. Auch die Darstellung des weiblichen Aktes, die Hoppers Gesamtwerk durchzieht, führt nach impressionistischen Anfängen in der Frühzeit später zu psychologisch suggestiven Bildern, die eine Geschichte zu erzählen scheinen.
In Hoppers Landschaftsansichten, die vor allem für den Übergang von der impressionistischen, französischen zur frühen amerikanischen Periode charakteristisch sind, treten schon früh neben die reinen Landschaftsbilder Bildkompositionen, die Natur und Zivilisation in einer spannungsvollen Beziehung zeigen. Im mittleren und späten Werk des Malers gewinnt dies noch mehr Bedeutung.
Bereits 1914 lässt Soir Bleu darüber hinaus eine auffällige psychologische Codierung erkennen. Sie erscheint wie eine unbewusste Vorwegnahme von Hoppers letztem Bild aus dem Jahr 1965, in dem der Maler nicht nur sich und seine Frau darstellt, sondern zugleich einen ebenso ironischen wie melancholischen Blick auf das eigene Leben eröffnet. Damit betont Hopper neben seiner Identität als amerikanischer Künstler auch die psychologisch lesbare Inschrift, die sein Werk insgesamt prägt.

Prof. Dr. Ulrich Herbert (Historisches Seminar / Forschungsgruppe Zeitgeschichte)
Kriegsende 1945. Europäische und deutsche Perspektiven

Online ab Donnerstag, 07.01.21

Prof. Dr. Ulrich HerbertIn Europa begann das Kriegsende lange vor der deutschen Kapitulation, und es endete lange danach, zudem auf sehr unterschiedliche Weise. Auch die Wahrnehmungen des Kriegsendes waren denkbar verschieden – von Klagen über die materielle und moralische Trümmerlandschaft Europas über weitgespannte Erwartungen eines besseren Lebens in einer humanen und sozial gerechten Gesellschaft bis zu vollständiger Apathie angesichts der unfassbaren Opferzahlen.
Das Ende des Krieges erscheint heute als epochale Zäsur, als „Ende des europäischen Zeitalters“. Nicht nur das Deutsche Reich lag besiegt am Boden. Auch die jahrhundertealte europäische Vorherrschaft auf der Welt war unwiederbringlich vorbei. Nie zuvor in der Geschichte der Neuzeit hatte es einen nachhaltigeren, tiefer greifenden Einschnitt gegeben als in diesem Moment. Und bei allen Elementen von Kontinuität, die sich später oder früher bemerkbar machten: Ein schärferer Bruch in Politik, Gesellschaft, Kultur und Recht war kaum denkbar. Insofern hatte der schon zeitgenössisch früh gebrauchte Begriff der „Stunde Null“ seine Berechtigung.
Der Vortrag gibt einen Einblick in die politischen Dimensionen des Kriegsendes in Deutschland und Europa – und in die Erfahrungen, welche die Menschen in den verschiedenen Ländern und Regionen am Ende des Krieges machten.

Prof. Dr. Judith Frömmer (Romanisches Seminar)
Lernen in der Renaissance – Lernen von der Renaissance

Online ab Donnerstag, 14.01.21

Prof. Dr. Judith FrömmerDas Projekt der (sogenannten) Renaissance verbindet sich mit einer umfassenden Bildungsprogrammatik, die das Verhältnis von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft immer wieder neu verhandelt und hinterfragt. Die Herausforderungen, mit denen sich die Humanisten der frühen Neuzeit konfrontiert sehen, sind dabei denjenigen unserer Zeit nicht unähnlich: der Dialog, aber auch die Erfahrung des Bruchs zwischen den Zeiten und Generationen; Medienumbrüche und ihre kulturellen und sozialen Konsequenzen; neue und alte Eliten oder die Frage kultureller Partizipation und Formen des Populismus. Der Vortrag fragt ausgehend von den komplexen Formen und Konzepten des Lernens und insbesondere des Lesens in der Renaissance danach, ob und wie wir heute von der Renaissance lernen und auf diese Weise den Dialog über und zwischen den Zeiten und Kulturen fortsetzen können.

 

Prof. Dr. Anna Schreurs-Morét (Kunstgeschichtliches Institut)
Weltenbummler: Drei deutsche Maler im Italien des 17. Jahrhunderts

Online ab Dienstag, 19.01.21

Prof. Dr. Anna Schreurs-MorétReisen von Künstlern aus dem Norden, vor allem aus Deutschland, den Niederlanden und Frankreich, in die Kunstzentren Italiens gehörten seit dem späten 16. Jahrhundert zum Werdegang eines ambitionierten Malers oder Bildhauers. Der Vortrag möchte mit drei deutschen Malern bekannt machen, die sich im 17. Jahrhundert höchst produktiv in das italienische Kunstgeschehen „eingemischt“ haben; mit durchaus wechselseitigen Wirkungen: Adam Elsheimer, 1578 in Frankfurt am Main geboren, kam zu höchster Berühmtheit in römischen Kunstkreisen, dort starb er 1610 jedoch völlig verarmt. Von größtem Interesse ist es, in seinem Œuvre den Reaktionen des protestantischen Malers auf das Pathos der katholischen Malerei der Gegenreformation nachzuspüren. Johann Liss aus dem Holsteinischen (geb. um 1597) wirkte – nach Stationen in Amsterdam, Antwerpen und Rom – in größter Anerkennung der dort arbeitenden Maler vor allem in Venedig und starb auf der Flucht vor einer dort wütenden Pestepedemie 1631 in Verona. Bei Liss wie auch bei Elsheimer fällt es den Kunsthistorikern nicht leicht, sie überhaupt als deutsche Maler in die Handbücher aufzunehmen, in solch hohem Maße sind ihre Gemälde von den Motiven, den Farben und dem Licht der italienischen Malerei durchdrungen. Mit Johann Heinrich Schönfeld aus Biberach schließlich (geb. 1609) kommen wir zu einem Künstler, der seine wesentliche Prägung durch einige Jahre in Neapel erhielt, einer Stadt, die er während seiner künstlerischen Wanderjahre in Italien aufsuchte. Der Vortrag soll zunächst darlegen, welche Beweggründe die Italienreisen der deutschen Maler zu diesen Zeiten hatten. Der Schwerpunkt liegt aber auf den Werken von Elsheimer, Liss und Schönfeld und damit auf einigen herausragenden Werken der Barockzeit, von denen ausgehend verschiedene Fragen nach den Formen des kulturellen und künstlerischen Austauschs zwischen Italien und Deutschland ergebnisreich zu stellen sind.   

 

JunProf. Dr. Lena Henningsen (Institut für Sinologie)
Zwischen Freiheit und Kontrolle: Praktiken des Lesens und Schreibens während der chinesischen Kulturrevolution

Online ab Donnerstag, 21.01.21

JunProf. Dr. Lena HenningsenDie chinesische Kulturrevolution (1966-1976) gilt nicht zu Unrecht als eine Epoche massiver Gewaltausübung und Medien- und Literaturkontrolle. In meinem Vortrag werde ich den Blick auf tatsächliche Praktiken des Lesens und Schreibens lenken: Neben den Werken von Mao Zedong erfreute sich insbesondere Le Comte de Monte-Cristo von Alexandre Dumas einer großen Leserschaft. Als inspirierend beschreiben Zeitzeugen Texte wie Jack Kerouacs On the Road oder William Shirers The Rise and Fall of the Third Reich – beides Bücher, die eigentlich verboten waren und nur als interne Publikationen den Kadern der Kommunistischen Partei zur Verfügung standen. Und während das offizielle Publikationswesen weitgehend zum Erliegen gekommen war, florierte in ausgewählten Zirkeln das literarische Leben in Form von literarischen Salons. Unterhaltende Novellen und Romane zirkulierten als handschriftliche Manuskripte im ganzen Land. Kriminal-, Spionage- und auch Liebesgeschichten, die mit den literarischen Normen der Zeit nicht übereinstimmten, wurden von (meist) anonymen Autoren verfasst und von anderen gelesen und abgeschrieben. Dadurch wurden die auf fragilem Papier niedergeschriebenen Geschichten erhalten und sie konnten weit zirkulieren – dadurch veränderten sich die Geschichten aber auch, da die Kopisten kreative Eingriffe in die Texte vornahmen. Die Kulturrevolution, so zeigt sich, ist damit keinesfalls eine monolithische Epoche. Grassroots- Praktiken verweisen auf die Vielzahl von Erlebnishorizonten und Deutungsmustern und auf den kreativen Umgang mit der von oben verordneten Kontrolle und Zensur: Leser und Autoren in China strebten nach literarischer und intellektueller Vielfalt – auch unter Gefahr für Leib und Leben. Damit bereiteten sie einer Vielzahl von literarischen und intellektuellen Entwicklungen den Boden, die allgemein der Zeit nach dem Ende der Kulturrevolution zugerechnet werden.

 

Prof. Dr. Racha Kirakosian (Deutsches Seminar – Germanistische Mediävistik)
The Real Game of Thrones?
Mythische Dimensionen in Narrativen des Mittelalters

Online ab Donnerstag, 28.01.21

Prof. Dr. Racha Kirakosian (c) Johan Wahlgren for SCASSeit Tolkiens Erfindung von Mittelerde wird vordergründig das europäische Mittelalter als dominante Folie für diverse Fantasywelten herangezogen. Das wohl aktuellste Beispiel für die kreative Aneignung mittelalterlicher Stereotype ist die weltweit erfolgreiche HBO-Serie Game of Thrones, die inspiriert von vormoderner Geschichte und Literatur Millionen von Zuschauern in ihren Bann zieht. Dabei weisen verschiedene in der Show vorkommende Tropen und Themen Gemeinsamkeiten mit mittelalterlichen Erzählungen auf, was besonders deutlich wird in der Handhabung mythischer Dimensionen.
In diesem Vortrag widmen wir uns solchen mythischen Dimensionen unter Zuhilfenahme theoretischer Ausführungen Ernst Cassirers, Hans Blumenbergs und J.R.R. Tolkiens, indem wir zwei Epen gesondert untersuchen: die altfranzösische Erzählung von Mélusine nach Jean d’Arras und das mittelhochdeutsche Versgedicht Herzog Ernst. Diese Narrative bieten sich besonders gut an, zwei bestimmte Themenkomplexe hinsichtlich ihrer mythischen Elemente zu durchleuchten: die Verbindung von Bestialität und Femininität zum einen und die Assoziation des Orients mit dem Monströsen zum anderen. Beide Komplexe werden in Game of Thrones ausgiebig bedient; doch sind sie seit jeher einer nicht unbedingt urteilsfreien Popularität verschrieben, die es zu hinterfragen gilt.

Prof. Dr. Daniela Kleinschmit (Professur für Forst- und Umweltpolitik)
Illegal oder illegitim: Konflikte in der Nutzung natürlicher Ressourcen zwischen Baden-Württemberg und Brasilien

Online ab Dienstag, 02.02.21

Prof. Dr. Daniela Kleinschmidt (c) Philipp DitfurthJeder kennt die dramatischen Bilder von Nashörnern und Elefanten, die auf Grund ihrer Hörner getötet wurden. Auch die Debatte um die Abholzung von Wäldern in Brasilien ist aktuell präsent in den Medien und damit in unserer Wahrnehmung angekommen. Neben der Frage nach den ökologischen Auswirkungen stellt sich in diesen und vielen weiteren Konflikten über die Nutzung natürlicher Ressourcen die Frage nach Legalität und Legitimität. Dieser Frage wird in diesem Vortrag nachgegangen. Weiterhin wird ein Überblick über die verschiedenen Formen von illegaler Ressourcennutzung, über die Gründe, das Ausmaß sowie die Möglichkeiten und Grenzen der politischen Steuerung präsentiert. Dabei wird deutlich, dass illegale Nutzung nicht auf Orte begrenzt ist, die in weiter Ferne liegen, dass eine einfache Zuordnung in richtig und falsch selten möglich ist und dass verschiedene Formen der illegalen Aktivitäten oft miteinander verknüpft und immer stärker professionalisiert sind.

 

Prof. Dr. Stefan Höppner (Klassik Stiftung Weimar / Deutsches Seminar – Neuere deutsche Literatur)
Die Welt im Regal:
Goethes Bibliothek und seine sozialen Netzwerke

Online ab Donnerstag, 04.02.21

In Zusammenarbeit mit der Goethe-Gesellschaft Freiburg und dem Deutschen Seminar

Prof. Dr. Stefan HöppnerJohann Wolfgang Goethes Büchersammlung ist eine der bedeutendsten Autorenbibliotheken Europas. Mit ihren über 7.000 Bänden dokumentiert sie nicht nur, was der Autor las und für seine Werke nutzte. Die Bibliothek ist auch ein Abbild der reichen Netzwerke zwischen ihm und anderen Autor*innen, Künstler*innen und Wissenschaftlern. Im Rahmen des Forschungsverbunds Marbach Weimar Wolfenbüttel (MWW) wird sie an der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek seit 2014 neu katalogisiert und digital erforscht. Der Vortrag stellt die Bibliothek vor und zeigt die Potenziale der digitalen Visualisierung von Forschungsdaten für die aktuelle Forschung zu Goethe und anderen Autor*innen

 

 

 

 

 

 

 

Mit freundlicher Unterstützung der Volksbank Freiburg, des Verbands der Freunde der Universität Freiburg
und der Badischen Zeitung