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Einzelvorträge: Faszination Wissenschaft

 

Einzel_Sebastian Bender

Dr. Björn Thesing
(Deutsches Seminar, Universität Freiburg)

Der vergessene Nobelpreisträger? Zur negativen Monumentalität von Rudolf Eucken

Mittwoch | 04.11.26 | 20 Uhr c.t. | HS 1015   

01 Thesing f157f78e-79e1-4628-9f77-a9185106e6e9.JPGNur wenige Figuren der modernen Geistesgeschichte geben ein so eindrückliches Beispiel dafür ab, dass aus umfassendem Ruhm zu Lebzeiten keine Garantie für eine überzeitliche Geltung folgt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert stieg Rudolf Eucken (1846–1926) vom Philosophieprofessor allmählich zu einem der prägendsten Intellektuellen und einflussreichsten Kulturkritiker des Kaiserreichs auf. Bis zu seinem Tod prägte Euckens neuidealistische Philosophie das kulturelle Leben seiner Zeit in nahezu allen Bereichen. 1908 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, in den folgenden Jahren kann er als populärster deutscher Philosoph gelten, heute ist er beinahe vollständig vergessen. Aus Anlass von Euckens 100. Todestag  am 15. September 2026 werden seine Person und Philosophie noch einmal in den Mittelpunkt gerückt, wobei der Vortrag versucht, eine Frage zu beantworten, die der vergessene Nobelpreisträger im Kontext des Schillerjubiläums im Jahr 1905 in ähnlicher Form selbst gestellt hatte: „Was können wir heute aus Eucken gewinnen?“ 

Prof. Dr. Roland Borgards
(Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur, Goethe-Universität Frankfurt a. M.)

Büchners Bestiarium. Eine literarische Tierschau

Montag | 09.11.26 | 20 Uhr c.t. | HS 1015    

02 Portrait Borgards 2024 (c) Kathleen Witt.jpgEtwa hundert verschiedene Tierarten finden sich im Werk Georg Büchners. Sie zeigen sich als facettenreiche Existenzen zwischen Schönheit, Schrecken und Scherz, so fremd wie vertraut, so zahm wie wild. Versammeln lassen sich Büchners Tiere in der Form eines Bestiariums. Bestiarien sind Tier-Bilder-Bücher: erhellend für das Wissen, erbaulich für die Seele, nützlich für die Praxis, schön für das Auge. Büchners Bestiarium enthält vor allem gängige Tierarten, etwa den Affen oder die Ameise. Aufgenommen sind aber auch tierartige Begriffe, etwa die Woyzecke und die Zickwolfin. Einem Bestiarium steht es gut zu Gesicht, wenn sich neben dem Biber die Bestie findet, neben dem Käfer der Kanaillenvogel, neben dem Ochsen das Opferlamm. All das bietet den Stoff für eine literarische Tierschau, die Büchners Bestiarium in illustrierter Pracht in Szene setzt. 

Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein 
(Professur für Naturschutz und Landschaftsökologie, Universität Freiburg)

Von Pflanzen zu Insekten, Ökosystemen und unserem Wohlergehen

Mittwoch | 18.11.26 | 20 Uhr c.t. | HS 1015    

03 Klein Rektorat000.jpgWas ist das für eine Pflanze, warum wächst sie genau hier – und eine andere nur auf der gegenüberliegenden Wiese? Diese Fragen beschäftigten die Referentin schon während ihres Studiums und führten sie nach Indonesien, Ecuador und Kalifornien. Fasziniert von Pflanzen-Insekten-Interaktionen erforschte sie die Bedeutung der Artenvielfalt für die Bestäubung sowie Veränderungen in Nahrungsnetzen in Agrarökosystemen und in einem experimentellen Wald in China. Doch warum brauchen wir überhaupt biologische Vielfalt? Reicht für die Bestäubung unseres Obstes und Gemüses nicht „Biene Maja“, also die Honigbiene? Wie unterscheiden sich Honigbienen und ihre wilden Schwestern, die Wildbienen, in ihrer Bestäubungsleistung? Und was passiert mit Bienen und Wespen, wenn Baumarten im Wald aussterben? – Der Vortrag nimmt das Publikum mit auf eine Reise von einzelnen Pflanzen über die faszinierende Welt der Pflanzen-Insekten-Interaktionen bis hin zu den komplexen Zusammenhängen in Ökosystemen. Er geht auch der Frage nach, wie wissenschaftliche Erkenntnisse über Biodiversität und Ökosysteme in Politik und Gesellschaft aufgenommen werden – und warum der Umgang mit diesen Erkenntnissen für Forschende manchmal auch ernüchternd oder frustrierend sein kann.

Prof. Dr. Matthias Jestaedt
(Institut für Staatswissenschaft und Rechtsphilosophie, Abt. 3, Rechtstheorie, Universität Freiburg)

Deuter der Zeitläufte. Carl Schmitts rechtswissenschaftliches Vermächtnis

Mittwoch | 02.12.26 | 20 Uhr c.t. | HS 1015
   

04 Jestaedt.jpgAm Staatsrechtslehrer Carl Schmitt (1888–1985) scheiden sich bis in unsere Tage Freund und Feind: Den einen ist er der brillante und visionäre Vordenker des Politischen, den anderen der karrieristische „Kronjurist des Dritten Reiches“. Einig ist man sich darin, dass er wie kaum ein zweiter als das Gesicht der deutschen Verfassungsrechtswissenschaft im 20. Jahrhundert – und das heißt: über die Systembrüche vom Kaiserreich über Weimar und den Nationalsozialismus bis hin zur grundgesetzlichen Ordnung – betrachtet werden kann. Der Vortrag bemüht sich darum, zu (er)klären, worin die auch heute noch wirkmächtige Besonderheit von Person und Denkstil liegt. Zu diesem Behufe wendet er sich Vita und Opus des Staatsrechtslehrers Schmitt zu, bevor nach den Charakteristika des Schmittschen Denk- und Schreibstils gefragt wird. Der Vortrag mündet in die Frage, welches Erbe Schmitt der heutigen, grundgesetzlichen Staatsrechtslehre vermacht hat.

Dr. Reinhard Laube
(Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar)

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek und ihre Öffentlichkeiten 

Freitag | 11.12.26 | 18 Uhr c.t. | HS 1015

In Zusammenarbeit mit der Goethe-Gesellschaft Freiburg und dem Deutschen Seminar

05 Dr-Reinhard-Laube_8 (c) Henry Sowinsky.jpgDie Herzogliche Bibliothek in Weimar war zunächst im Weimarer Schloss aufgestellt und blieb in der Entfaltung einer öffentlichen Wirkung beschränkt. Das änderte sich 1766 mit dem Umzug in das benachbarte Grüne Schloss. Mit einem ovalen Festsaal des Buches konnte die Bibliothek neue Formen der Öffentlichkeit herstellen. Das selbstständige Gebäude setzte eine Eigendynamik von Sammlungen und Sammlungsräumen frei, die auf Anforderungen der Gegenwart bezogen bleibt. In seiner Verantwortung für die Bibliothek seit 1797 entwickelte Johann Wolfgang Goethe eine kulturelle Praxis mit Folgen. Christoph Martin Wielands Weimarer Rede „Über das Fortleben im Andenken der Nachwelt“ (1812) bot passend dazu ein Programm und eine Funktion der öffentlichen Bibliothek, die der Vortrag nahebringen möchte.  

Prof. Dr. Dr. Katharina Domschke 
(Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg)
Das Alphabet der Angst – Von Angstlust bis Zukunftsangst

Mittwoch | 16.12.26 | 20 Uhr c.t. | HS 1015   

06 Domschke Kittel 1.jpgJeder vierte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens eine Angsterkrankung. Umso wichtiger ist es, über Entstehung, Erscheinungsformen und Behandlungsmöglichkeiten dieses unseres wichtigsten, weil überlebensnotwendigen Gefühls aufzuklären. Doch auch wer meint, mit Angst nichts zu tun zu haben, entgeht ihr nicht, begegnet sie doch in vielerlei Gestalt auch in Märchen, Witzen, Musik, Literatur, Kunst, Beruf, Wirtschaft und Medien oder erscheint in sprachlichen Komposita wie Angstbeißer, Angstgegner, Angstblüte oder Angstlust. Der Vortrag zeichnet dieses reiche Repertoire nach und führt wissenschaftlich fundiert, klinisch erfahren und zugleich verständlich und kurzweilig durch das faszinierende Vokabular der Angst.

Prof. Dr. Marlene Bartos
(Systemische und zelluläre Neurowissenschaften, Institut für Physiologie I, Universität Freiburg)
Vom Erlebnis zur Erinnerung – wie das Gehirn Gedächtnisspuren bildet

Mittwoch | 13.01.27 | 20 Uhr c.t. | HS 1015 

07 marlene-bartos.jpgWarum können wir uns an den ersten Schultag, den Duft eines Gerichts oder den Weg zu unserem Lieblingscafé oft noch nach Jahrzehnten erinnern? Unser Gehirn besitzt die erstaunliche Fähigkeit, Erlebnisse in dauerhafte Erinnerungen umzuwandeln und sie selbst nach langer Zeit wieder abzurufen. Doch wie entstehen solche Gedächtnisspuren? Wie kann das Gehirn neue Erfahrungen speichern, ohne bereits bestehende zu überschreiben? Wie können wir ähnliche Erinnerungen unterscheiden?
Neueste Erkenntnisse der Gehirnforschung geben spannende Einblicke in diese faszinierenden Prozesse. Der Vortrag nimmt uns mit auf eine Reise in das Gedächtnis des Gehirns und zeigt, wie Milliarden von Nervenzellen zusammenarbeiten, damit aus einem flüchtigen Erlebnis eine bleibende Erinnerung wird.

Dr. Aaron Gebler 
(Seminar für Alte Geschichte, Universität Freiburg)
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Joachim Gehrke
(Seminar für Alte Geschichte, Universität Freiburg)
Was entscheidet das Los?
Politische Teilhabe und Losmaschinen im antiken Athen

Montag | 18.01.27 | 18 Uhr c.t. | HS 1098

08 Gebler (c) Philip Straub.jpgIn der athenischen Demokratie wurden die meisten Ämter und die Geschworenen der08 Gehrke.2015 Kopie.jpg Volksgerichte nicht gewählt, sondern ausgelost. Dafür dienten eigens entwickelte Geräte, die Kleroteria. Ein solches Gerät ist am Seminar für Alte Geschichte rekonstruiert worden. Der Abend führt in die Prinzipien der athenischen Demokratie ein, erläutert die Bedeutung des Losverfahrens und fragt nach dessen Bedeutung für gegenwärtige Debatten. Eine Auslosung mit der rekonstruierten Maschine wird vorgeführt.

Prof. Dr. Hartmut Rosa
(Institut für Soziologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena / Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Universität Erfurt)
Resonanz und soziale Energie in der Beschleunigungskrise der Gegenwart

Donnerstag | 21.01.27 | 20 Uhr c.t. | HS 1010

Katholische Akademie der Erzdiözese Freiburg in Kooperation mit dem Studium generale

09 Hartmut Rosa - Leibniz-Preisträger 2023 (c) DFG  David Ausserhofer.jpgDie Spätmoderne steht für den Soziologen Hartmut Rosa vor einer doppelten Energiekrise: einer äußeren, ökologischen, und einer inneren. Letztere erklärt sich für Rosa daraus, „dass die Verheißung der Moderne – das Versprechen auf eine verfügbar gemachte, entgegenkommende, pazifizierte Welt – verblasst und sich sogar in ihr Gegenteil verkehrt. […] Zum einen wird die Welt nicht verfügbarer, sondern in wachsendem Maße unverfügbar und bedrohlich. Zum anderen verliert sie aber dort, wo sie verfügbar gemacht worden ist, ihre Attraktivität.“  
Hartmut Rosa ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Seit seiner epochemachenden Studie „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ von 2005 und seinen Arbeiten zum Zusammenhang von Beschleunigung und Entfremdung gilt er als einer der wichtigsten soziologischen Diagnostiker unserer Gegenwart. Mit „Resonanz“ legte er 2016 eine „Soziologie der Weltbeziehung“ vor. 

Stefan Kaufmann
(Referent Politik und öffentlicher Sektor, Wikimedia Deutschland e.V.)
Die verschiedenen Formen der Künstlichen Intelligenz – und wie sie sich zu Wissen verhalten

Mittwoch | 27.01.27 | 20 Uhr c.t. | HS 1015

10 kaufmann_stefan_2022-08 (c) Jan-David Franke.jpg„Künstliche Intelligenz“ wird derzeit als Lösung für eine große Bandbreite von Aufgabenstellungen angepriesen. Die öffentliche Debatte dreht sich dabei jedoch beinahe ausschließlich um große Sprachmodelle – also sogenannte „konnektionistische KI“, die mit stochastischen Methoden arbeitet. Das hat gravierende Auswirkungen auf sämtliche Aufgaben, bei denen es um den Abruf verlässlichen Wissens geht – beispielsweise die Wikipedia. Von der Öffentlichkeit kaum beachtet werden demgegenüber die Prinzipien der „symbolischen KI“, mittels derer gesichertes Wissen nach logischen Regeln ausgewertet werden kann. In diesem Vortrag werden diese beiden historischen Strömungen verglichen und in Beziehung zum Konzept des „Freien Wissens“ gesetzt. Außerdem gibt der Vortrag einen Einblick in das Projekt „Wikidata“, das seit 2012 auf symbolische KI setzt.

Michael Thumann
(Außenpolitischer Korrespondent, DIE ZEIT, Moskau/Berlin)
Europas neue Teilung

Donnerstag | 28.01.27 | 20 Uhr c.t. | HS 1010

Zwetajewa-Zentrum an der Universität Freiburg e.V. in Kooperation mit dem Studium generale

11 Thumann (c) Henning Kretschmer für DIE ZEIT.jpgWladimir Putin hat Russland vom Rest Europas entfernt wie kaum ein russischer Herrscher vor ihm. Mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine hat er den Kontinent nachhaltiger geteilt als im Kalten Krieg. Das russische Regime und die Propaganda stellen Europa als einen Feind dar, der einerseits gefährlich und andererseits dem unausweichlichen Untergang geweiht sei. Darüberhinaus hat Putin gezielt und systematisch die deutsch-russischen Beziehungen auf staatlicher und gesellschaftlicher Ebene zerrüttet. Mit neuen Gesetzen und mittels der willfährigen Justiz hat er die einst blühenden zivilgesellschaftlichen Verflechtungen gekappt. Das Vermögen und die Investitionen europäischer Firmen in Russland hat er einziehen und verteilen lassen. Unangemessene Entscheidungen in Europa und Deutschland vertiefen die Spaltung des Kontinents. Es entstehen verzerrte Bilder und Vorstellungen von der jeweils anderen Seite. Die präzedenzlose Sprachlosigkeit zwischen Russland und Europa wird zur Bedrohung des Friedens auf dem Kontinent.