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Samstags-Uni: Nachbar Frankreich

Studium generale der Universität Freiburg und Volkshochschule Freiburg

 

 Franzosenweg quer

© Foto: Frankreich-Zentrum 

Gerade in Freiburg und am Oberrhein weiß man: Frankreich ist Deutschlands nächster Nachbar – geografisch, historisch und kulturell. Kaum zwei europäische Nationen sind in vergleichbarer Weise über Jahrhunderte hinweg miteinander verflochten gewesen. Die deutsch-französische Nachbarschaft ist geprägt von Nähe und Distanz, von Rivalität und Faszination, von Konflikten und Kooperationen. Sie reicht von kriegerischen Auseinandersetzungen und tief verwurzelten Feindbildern bis hin zu Versöhnung, Freundschaft und enger politischer Zusammenarbeit im Herzen Europas.
Die Samstags-Uni „Nachbar Frankreich“ im Sommersemester 2026 lädt dazu ein, diese komplexe nachbarschaftliche Beziehung aus unterschiedlichen kultur-, geschichts- und sozialwissenschaftlichen Blickwinkeln zu erkunden. Im Mittelpunkt stehen historische Wahrnehmungsmuster, die die deutsch-französische Nachbarschaft langfristig prägten, ebenso wie die wechselseitige kulturelle Anziehungskraft beider Länder und der aktuelle Stand ihrer Beziehungen, bilateral wie im gemeinsamen „Haus“ Europa. In einem abwechslungsreichen Potpourri sollen zentrale politische, gesellschaftliche und kulturelle Stationen dieser Nachbarschaft von der Frühen Neuzeit bis in die aktuelle Gegenwart beleuchtet werden: die Prägekraft der französischen Kultur in Europa, deutsch-französische Erinnerungsorte, nationale Spezifika Frankreichs und seines politischen Systems, Frankreich als touristische Destination und als Land der Kulinarik und des savoir vivre
Ziel der Vorlesungsreihe ist es, Frankreich nicht nur als politischen Partner, sondern als vielschichtigen kulturellen Nachbarn zu verstehen, dessen Geschichte und Gegenwart eng mit der deutschen verbunden sind. Die Ringvorlesung möchte dazu anregen, vertraute Bilder zu hinterfragen und neue Perspektiven auf eine der prägendsten Nachbarschaften Europas zu gewinnen.

Die Vorträge finden samstags zwischen 11:15 Uhr und 12:45 Uhr im HS 1010 im Kollegiengebäude I der Universität statt und können kostenlos und ohne vorherige Anmeldung besucht werden. Alle Vorträge der Reihe werden außerdem aufgezeichnet und zeitversetzt über Links bei dem jeweiligen Vortrag und Medienportal des Studium generale zugänglich gemacht.

 

Samstag / 11 Uhr c.t. / HS 1010 (Kollegiengebäude I) 

Dr. habil. Claire Demesmay
(Leiterin des Institut français an der Universität Bonn und des Büros für Hochschulkooperation NRW)
Grenzen erleben: Zwischen Offenheit und Abgrenzung

Samstag, 25.04.26

Link zum Vortrag

DemesmayGrenzregionen gelten heute nicht mehr als Randräume Europas, sondern als Orte der Begegnung, des Austauschs und der Zusammenarbeit. Sie umfassen rund 40 % des EU-Territoriums, vereinen 30 % der Bevölkerung und erwirtschaften ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Hier zeigen sich Chancen und Herausforderungen der europäischen Integration: Anerkennung von Berufsqualifikationen, grenzüber-schreitender Zugang zu sozialen Rechten oder Umgang mit Mehrsprachigkeit. Gleichzeitig sind Grenz-regionen besonders sensibel für politische Spannungen: Die Wiedereinführung von Grenzkontrollen stellt das Ideal der Freizügigkeit infrage und beeinflusst Alltag und Arbeit. Der Vortrag untersucht, wie Grenzen heute gedacht, dargestellt und erlebt werden. Auf Basis von Interviews in Familien der deutsch-französischen Region Saarland–Mosel wird gezeigt, wie materielle Realität und symbolische Vorstellungen von Grenze im Alltag zusammenwirken – zwischen Offenheit und Abgrenzung.

Prof. Dr. Volker Reinhardt
(Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit, Université de Fribourg, Schweiz)
Wie Frankreich Frankreich wurde: Vom Bürgerkrieg zum Hof von Versailles (1560-1690)

Samstag, 02.05.26

Link zum Vortrag

Reinhard

Für Voltaire war es ein innerweltliches Wunder, das er in seinem Werk „Das Zeitalter Ludwigs XIV.“ zumindest partiell zu erklären suchte: Wie kommt es nach fast vier Jahrzehnten der inneren Selbstzerfleischung nach 1560 zum kometenhaften ökonomischen, politischen und kulturellen Aufstieg Frankreichs zur Führungsnation Europas im 17. Jahrhundert? Dieser Frage soll auch dieser Vortrag nachgehen: Um was geht es in den sogenannten „Religionskriegenˮ? Welche Auswirkungen haben sie auf Kunst und Kultur des Landes? Warum setzt die konfessionelle Spaltung einen derartig mörderischen Hass in allen Schichten der Gesellschaft frei? Warum scheitern alle „Befriedungsprojekteˮ vor dem Edikt von Nantes aus dem Jahr 1598? Welche Lösungen findet die Monarchie ab der Regierung Heinrichs IV., wie ist vor diesem Hintergrund der „Absolutismusˮ Ludwigs XIV. zu bewerten – und welche Prägewirkungen gehen davon bis auf das Frankreich der Gegenwart aus? 

Prof. Dr. Ruth Florack
(Professorin für Neuere deutsche Literatur, Universität Göttingen)
Oberflächlich, geistreich, arrogant: Stereotype des Franzosen in der deutschen Literatur

Samstag, 09.05.26

Link zum Vortrag

FlorackDer Franzose ist leichtfertig in der Liebe – so liest man von Martin Luther bis zu Daniel Kehlmann. Das ist nur eines der Wahrnehmungsmuster, die sich jahrhundertelang hartnäckig in der deutschen Literatur gehalten haben. Und nicht nur dort. Auch sind sie keine deutschen Erfindungen. Zudem gibt es nicht nur negative, sondern auch positive Stereotype des Franzosen. – Ein Blick in die Geschichte der Literatur zeigt, woher solche Stereotype kommen und welche Funktion sie in unterschiedlichen Textsorten erfüllt haben und bis heute erfüllen. Besonders interessant ist dabei die Literatur aus der Zeit vor den Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts. So ist etwa im Jahrhundert der Aufklärung manch ein Text von Frankreich inspiriert und spricht doch ganz selbstverständlich in Stereotypen von Land und Leuten. Das ist jedoch noch kein Indiz für Vorurteile. Denn Vorurteile und Stereotype sind zweierlei. 

Prof. Dr. Stefan Pfänder 
(Lehrstuhl für Romanische und Allgemeine Sprachwissenschaft, Universität Freiburg)
„Cʼétait un Kulturschock pour moi!“. Deutsch-französische Begegnungen in mündlichen Erinnerungserzählungen

Samstag, 16.05.26

Pfänder

Im Zentrum dieser Vorlesung steht eine Analyse des Dokumentarfilms „Herzklopfen – Coup de Cœur“ (Bordeaux 2017), der im Rahmen eines Forschungsprojekts zum autobiographischen Erzählen entstand. Deutsch-französische Paare – verliebte, verlobte und verheiratete Paare – gehen mit den Filmemachern an Erinnerungsorte und erzählen davon, wie sie ihre Partner:innen im je anderen Land kennengelernt und später in Deutschland oder Frankreich eine gemeinsame Existenz aufgebaut haben. Die Journalisten fragen: Wie fanden sich die Partner:innen im fremden Land zurecht, gab es einen ‚Kulturschock‘, welche Hindernisse waren zu überwinden? Und wie erleben sie die deutsch-französischen Begegnungen heute, in einem europäischen Alltag (fast) ohne Grenzen? Als Vertreter der Gesprächslinguistik werde ich berührende – immer zweisprachige – Szenen aus dem Film vorführen und fragen: Wie ähnlich und wie verschieden erzählen die Partner:innen gemeinsame Erfahrungen, in welcher Sprache, und wie verändern sich die mündlichen, improvisierten Erzählungen, je nach dem, mit wem und für wen gerade erzählt wird.

Prof. Dr. Étienne François 
(Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin)
Lieux de mémoire: Erinnerungsorte für Frankreich, Deutschland und Europa

Samstag, 23.05.26

François

Die Initiative zur Analyse und Darstellung der französischen lieux de mémoire, d.h. der kollektiven politischen und kulturellen sozialen Erinnerungen in ihrer Entstehung und Entwicklung bis zur Gegenwart, geht auf Pierre Nora (1931-2025) zurück. Als kreativer und anregender Wissenschaftler und Herausgeber hat er zusammen mit 121 Mitautoren von 1984 bis 1992 sieben beeindruckende Bände veröffentlicht, die sofort einen großen Erfolg hatten und Pierre Nora im Jahr 2001 die Mitgliedschaft in der Académie française eingetragen haben. In rascher Folge sind dann auch in vielen anderen Ländern eindrucksvolle Bücher über deren Erinnerungsorte erschienen. Als deutsch-französischer Historiker habe ich zuerst zusammen mit dem Berliner Historiker Hagen Schulze im Jahr 2001 drei Bände über die deutschen Erinnerungsorte veröffentlicht, die von 119 Mitautoren (darunter 34 ausländischen) verfasst wurden. Im Jahr 2017 habe ich schließlich zusammen mit dem deutsch-französischen Sozialwissenschaftler Patrice Veit und 170 internationalen Autorinnen und Autoren zuerst in Paris ein großes Buch mit dem Titel „Europa“ über die europäischen Erinnerungsorte auch in ihrer globalen Dimension herausgegeben. 2019 ist das Werk in drei Bänden in einer nochmals erweiterten deutschen Ausgabe erschienen. Der Vortrag wird das Konzept der lieux de mémoire/Erinnerungsorte an anschaulichen Beispielen aus Frankreich, Deutschland und Europa erläutern.

Dr. Christina Schröer 
(Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Centre Ernst Robert Curtius (CERC), Universität Bonn)
Laizität – universelles Prinzip oder politisches Instrument? Neue Perspektiven auf die Geschichte der Säkularisierung in Frankreich und Deutschland

Samstag, 06.06.26

SchröerFrankreich gilt als eines der säkularsten Länder in Europa. Diese Tatsache wird oft mit dem republikanischen Prinzip der laïcité in Verbindung gebracht, das in erbitterten Kulturkämpfen gegen die Vorherrschaft des Katholizismus erkämpft wurde und seit 1905 in Frankreich eine strikte Trennung von Staat und Kirchen vorschreibt. Neuere Studien relativieren jedoch die Vorstellung eines französischen religionspolitischen Sonderwegs. Auch in Deutschland ist die Entstehung des Rechtsstaates eng mit der Idee von Säkularität verbunden; auch hierzulande konkurrieren schon seit dem 19. Jahrhundert verschiedene Bedeutungsebenen von Säkularität als universellem Prinzip, als Rechtsnorm bzw. als politischem Programm miteinander. Der Vortrag behandelt anhand von Beispielen Widersprüche und Spannungen zwischen den unterschiedlichen Begriffsverständnissen und argumentiert, dass sich die heutige Debatte um Religion, Identität und Neutralität nicht ohne ihr historisches Fundament verstehen lässt.

Dr. Daniel Deckers
(Frankfurter Allgemeine Zeitung / Dozent für Geschichte des Weinbaus und Weinhandels an der Hochschule Geisenheim University)
„... doch ihre Weine trinkt er gern“. Deutsch-französische Weingeschichten vom 18. bis zum 21. Jahrhundert

Samstag, 13.06.26

Ein aus Frankfurt stammender Geheimrat weiß, was ein echter deutscher Mann empfindet, ein preußischer Fürst bekommt Post aus dem Vaterland des Weins, eine französische Freundin Clara Schumanns errichtet in Berlin ein Lazarett, ein jüdischer Bankier und ein Bremer Weinhändler kaufen Châteaus, ein deutscher Kaiser kann vom Champagner nicht lassen, und ein Bürgermeister aus der Pfalz leert in Brüssel unter großem Applaus drei Gläser Wein. Vier Jahr später wird er von einem Freischärler erschossen. Dann schreibt sein Bruder über Verwüstungen in früheren Kriegen: Das lange 19. Jahrhundert als deutsch-französische Verflechtungsgeschichte, erzählt im Medium des Weins.

Prof. Dr. Jörn Leonhard 
(Lehrstuhl für die Geschichte Westeuropas, Universität Freiburg)
Monarchie und Revolution, Charisma und Volkssouveränität: Historische Spannungsverhältnisse des Politischen in Frankreich seit 1789

Samstag, 20.06.26

Die Möglichkeit politischer und sozialer Veränderbarkeit durch revolutionäre Gewalt scheint die politische Kultur Frankreichs seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts zu bestimmen. Weit über 1789, 1830, 1848 und den Aufstand der Pariser Kommune 1871 hinaus sind auch das mit „1968“ verknüpfte Selbstbild oder die Protestbewegung der gilets jaunes 2018/19 ohne diese historische Präfiguration undenkbar. Zugleich ist die politische Kultur Frankreichs von einem eigentümlichen Spannungszustand gekennzeichnet: zwischen dem revolutionären Kampf um egalitäre Teilhaberechte in der Berufung auf die souveräne Nation einerseits und der kollektiven Faszination durch charismatische Helden an der Spitze von Staat und Nation andererseits – vom roi connétable im 17. und 18. Jahrhundert über Napoleon I. und seinen Neffen bis zu Philippe Pétain und Charles de Gaulle. Der Vortrag fragt nach der historischen Genese dieser Spannung: Wann und warum konnte die Erwartung an eine persönliche Verkörperung nationaler Größe in die Erosion politisch-konstitutioneller Legitimität umschlagen? Und was tragen die französischen Krisenerfahrungen zum Verständnis der strukturellen Krise des Politischen in der Gegenwart bei? 

Prof. Dr. Dr. h.c. Lars P. Feld 
(Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik, Universität Freiburg / Walter Eucken Institut)
Wirtschaftliche Herausforderungen Frankreichs

Samstag, 27.06.26

Frankreich geh ört seit einiger Zeit zu den wirtschaftlichen Sorgenkindern. Schon in der Schuldenkrise in der Europäischen Union (EU) kam die Frage auf, ob Frankreich wirtschafts- und finanzpolitisch gut genug aufgestellt ist, um die Rettungsmaßnahmen für angeschlagene Mitgliedstaaten zu schultern. In der Folge unternahm die französische Regierung eine Reihe von Strukturreformen, vor allem der Arbeitsmarkt wurde flexibler. Die Rentenreform von Emmanuel Macron blieb zuletzt aber stecken. An diesem Beispiel zeigt sich die wirtschaftliche Misere Frankreichs: Wirtschafts- und finanzpolitisch ist das Land stark polarisiert, sodass Reformen immer mit finanzpolitischen Kompensationsmaßnahmen einhergehen, die jedoch zu einer nicht nachhaltigen Finanzpolitik geführt haben. Frankreich ist übermäßig verschuldet und muss die potentiellen Reaktionen der Kapitalmärkte fürchten. In diesem Vortrag geht es darum, wie schwierig die wirtschaftliche Lage in Frankreich tatsächlich ist und welche Auswirkungen dies auf die anderen Mitgliedstaaten der EU haben kann. 

Michaela Wiegel 
(Frankreich-Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Paris)
Deutschland und Frankreich: Freunde in guten, aber auch in schlechten Zeiten?

Samstag, 04.07.26

Europa erlebt einen gaullistischen Moment, und es kommt auf die Regierungen in Berlin und Paris an, ob es diesen ergreift. Der französische Republikgründer Charles de Gaulle war der Erste, der erkannte, dass die Zukunft des europäischen Kontinents in seiner politischen Autonomie liegt. Er warnte frühzeitig davor, dass der amerikanische Verbündete eines Tages seine Interessen neu bestimmen und Europa sich für diesen Fall wappnen müsse. Zum ersten Mal seit 1945 muss Europa feststellen, dass es auf sich allein gestellt ist angesichts eines imperialistischen, aggressiven Russlands und eines Amerikas, das der EU spontan nichts Gutes will. In dieser Gemengelage kommt es mehr denn je auf Deutschland und Frankreich an. Wie steht es um die deutsch-französischen Beziehungen? Präsident Emmanuel Macron läuft die Zeit für seine Pläne zur europäischen Souveränität davon, während es Bundeskanzler Friedrich Merz schwerfällt, die enge Bindung zu Washington zu lösen. Bereitet der deutsch-französische Zwist den Weg für eine nationale Rückbesinnung und einen Wahlerfolg der Rechtspopulisten in Frankreich im nächsten Jahr?

Prof. Dr. Jürgen Schmude 
(Department für Geographie, Ludwig-Maximilians-Universität München / Präsident, Deutsche Gesellschaft für Tourismuswissenschaft e.V.)
Tourismusweltmeister Frankreich: Strukturen, Entwicklungen und Besonderheiten im Tourismus unseres Nachbarlandes

Samstag, 11.07.26

Unser Nachbar Frankreich weist deutliche Unterschiede im Tourismus im Vergleich zu Deutschland auf. Zwar nennen sich beide Länder „Tourismusweltmeister“, beziehen sich aber auf unterschiedliche „Disziplinen“ im Tourismus. Daher stellt der Vortrag die „französischen Spezialitäten“ des Tourismus in den Mittelpunkt und analysiert seine Strukturen unter Berücksichtigung der jüngeren Tourismusgeschichte. Dies wird an konkreten Beispielen unseres Nachbarlandes incl. seiner Überseegebiete illustriert. Insgesamt zeigt sich, dass Frankreich einer der wichtigsten Global Player im internationalen Tourismus ist, dem nationalen Tourismus aber eine ebenso überragende Bedeutung zukommt.

Prof. Dr. Michael Schwarze 
(Professor für Romanische Literaturwissenschaft und Prorektor für Lehre, Universität Freiburg)
„Quoi de neuf de la guerre?“ Der Erste Weltkrieg in der französischen Gegenwartsliteratur

Samstag, 18.07.26

Der Erste Weltkrieg ist in Frankreich bis heute ein produktiver Erinnerungsort (lieu de mémoire), was sich nicht zuletzt in der Gegenwartsliteratur unserer Nachbarn zeigt. Henri Barbusses Roman Le feu von 1916 gilt dabei als kanonischer Urtext, der die Weltkriegs-thematik maßgeblich prägte. Ausgehend davon wird der Vortrag zunächst die literarische Entfaltung der Thematik im 20. Jahrhundert skizzieren. Anhand von ausgewählten Erzähltexten der letzten 20 Jahre soll sodann erläutert werden, inwiefern narrative Verfahren sowie zeitliche und räumliche Ausweitungen der Thematik dazu beitragen, dass die Grande Guerre in 100 Jahren nichts von ihrer Relevanz als einem literarischen Brennpunkt aktueller Fragen eingebüßt hat. 

Prof. Dr. Andreas Gelz 
(Lehrstuhl für Französische und Spanische Literaturwissenschaft, Universität Freiburg)
La France profonde: Die Provinz in der französischen Literatur- und Kulturgeschichte 

Samstag, 25.07.26

Der Ausdruck la France profonde bezeichnet weniger einen eindeutig lokalisierbaren Raum als ein Bündel historisch gewachsener Vorstellungen, die das ländliche Frankreich mit z.T. nostalgischen Bildern bzw. der Idee von Herkunft, Verwurzelung, ‚Authentizität‘ und einem traditionellen Lebensstil verbinden. Auch Begriffe wie la vieille France, la campagne oder la province verweisen auf solche Imaginationen, die häufig in Abgrenzung zur Metropole Paris entstehen. Ihre anhaltende Wirkmacht zeigte sich zuletzt auch während der Corona-Pandemie, als der vielfach beschriebene exode urbain von einer Rhetorik des retour à la terre begleitet wurde und ländliche Räume aufwertete. Auch regionale Zuschreibungen, wie sie durch den großen Erfolg des Films Bienvenue chez les Ch’tis (2008) von Dany Boon verbreitet wurden, können als mögliche Ausprägungen solcher Topoi gelesen werden. Anhand literarischer und audiovisueller Beispiele wird im Vortrag gezeigt, wie la France profonde als kultureller – und das heißt auch: historischer und politischer, durchaus kontrovers wahrgenommener – Deutungsraum erscheint, in dem unterschiedliche Vorstellungen von Gesellschaft und Lebensweisen verhandelt werden. 

Dr. Marcus Obrecht 
(Seminar für Wissenschaftliche Politik, Universität Freiburg)
Das Ende des Macronismus. Was dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron gelang und warum er gescheitert ist

Samstag, 01.08.26

Macrons „jupiterhafter“ Machtstil zielt darauf ab, das Links-Rechts-Schema aufzubrechen und Frankreich durch zentrale Steuerung tiefgreifend zu reformieren. Trotz ursprünglicher Versprechen, mehr direktdemokratische Verfahren zuzulassen, dominiert ein vertikales Politikverständnis, das parlamentarische Debatten häufig mittels Verordnungen umgeht. Während Macron kulturelle Tiefe und Autorität vermitteln will, leidet seine Handlungsfähigkeit unter einer zersplitterten Nationalversammlung ohne stabile Mehrheiten. Die Erosion seiner Fraktion und die Einbindung politischer Neulinge führten zu einer „Balkanisierung“ des Parlaments, welche die Umsetzung der Reformagenda zunehmend blockiert.
 

 

Mit freundlicher Unterstützung der Volksbank Freiburg und der Badischen Zeitung