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Samstags-Uni: Lieder – und ihre Geschichten. Eine musikalische Zeitreise in 15 Songs

Studium generale der Universität Freiburg und Volkshochschule Freiburg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) und dem Freiburger Forschungs- und Lehrzentrum Musik (FZM)

 

                         

© Foto: Guido Kirsch

Kaum eine kulturelle Ausdrucksform verbindet Sprache und Musik, persönliche Erinnerung und kollektive Geschichte so unmittelbar wie das Lied. Lieder begleiten Menschen durch Liebe und Verlust, durch religiöse Praxis und politische Umbrüche, durch Kriegserfahrungen, Freiheitsbewegungen und Alltagswelten. Sie werden gesungen, gehört, weitergegeben und immer wieder neu angeeignet; sie bewahren Stimmen aus weit zurückliegenden Zeiten und verleihen den Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten ihrer Gegenwart Ausdruck. 
Mit der Reihe „Lieder – und ihre Geschichten. Eine musikalische Zeitreise in 15 Songs“ lädt die Samstags-Uni im Wintersemester 2026/27 zu einer kulturgeschichtlichen Erkundung von Liedern aus Antike, Mittelalter, Früher Neuzeit, Moderne und Gegenwart ein. Im Mittelpunkt stehen berühmte Lieder aus unterschiedlichen Epochen, Sprachen und Gattungen – von Sappho und den Carmina Burana über Minnesang, Kirchenlied, Volkslied, Kunstlied, Oper und Chanson bis hin zu Songs von Bertolt Brecht und Kurt Weill, Zarah Leander, Edith Piaf, Wolf Biermann, Bob Dylan und der Band Rammstein. Die Reihe erzählt die Geschichten dieser Lieder und fragt nach den historischen Situationen, in denen sie entstanden sind, nach ihren literarischen und musikalischen Formen, nach ihrer Wirkung in Öffentlichkeit und Erinnerung – und nach den Gründen, warum manche von ihnen weit über ihre Entstehungszeit hinaus lebendig geblieben sind. Die Vorträge sind betont interdisziplinär angelegt und verbinden Perspektiven aus Klassischer Philologie, Germanistik, Romanistik, Anglistik, Musikwissenschaft sowie Geschichts- und Kulturwissenschaft und Theologie. So entsteht ein facettenreiches Panorama historischer Liedkulturen, in dem sich Musik-, Literatur- und Kulturgeschichte auf anschauliche Weise durchdringen. 

Die Vorträge finden samstags zwischen 11:15 Uhr und 12:45 Uhr im HS 1010 im Kollegiengebäude I der Universität statt und können kostenlos und ohne vorherige Anmeldung besucht werden. Alle Vorträge der Reihe werden außerdem aufgezeichnet und zeitversetzt über Homepage und Medienportal des Studium generale zugänglich gemacht. 

 

Samstag / 11 Uhr c.t. / HS 1010 (Kollegiengebäude I) 

Prof. Dr. Jacqueline Klooster 
(Seminar für Griechische und Lateinische Philologie, Universität Freiburg)
„Eros erschütterte mein Herz wie ein Fallwind“: Sappho (7. Jh. v. Chr.), die erste Singer-Songwriterin der westlichen Popmusik?

Samstag, 24.10.26

01 Klooster.jpgEros erschütterte mein Herz wie ein Fallwind, der sich vom Berghang auf die Eichen stürzt ... (Sappho, Fragment 47 Voigt): Dieses Fragment wird der legendären Dichterin Sappho zugeschrieben, die vor etwa 2700 Jahren auf Lesbos lebte. Die Vorstellung von Liebe als wilder Wind findet sich als Bild bis heute in populären Liedtexten wieder (z.B. Wild is the Wind, Nina Simone; Love is like the Wind, Julia Hatfield). Könnten wir Sappho vielleicht als eine der ersten Singer-Songwriterinnen der westlichen Popmusik betrachten? Ausgehend von dieser anregenden Frage beleuchtet der Vortrag die nur fragmentarisch überlieferte Lyrik von Sappho vor dem Hintergrund ihrer Zeit. Wie interpretieren wir ihre ebenso wunderschönen wie rätselhaften, fragmentarischen Beschreibungen von Sehnsucht und Lieblichkeit? Welches Gesellschaftsbild entsteht aus ihren Liedtexten? Und worin bestand ihre Bedeutung für spätere Liebeslyrik bis hin zu modernen Popsongs?

Prof. Dr. Frank Bezner 
(Seminar für Griechische und Lateinische Philologie, Universität Freiburg)
O Fortuna, velut luna. Genese und Geschichte (k)eines mittelalterlichen Klassikers

Samstag, 31.10.26

02 Bezner.jpgO Fortuna, velut luna – dieses Gedicht ist mit seinem Bild der Schicksalsgöttin als wechselhaftem Mond, vor allem aber mit seiner eingängigen Melodie und seinem treibenden Rhythmus zum Sound des Mittelalters schlechthin geworden. Dabei stammt genau dieser Klang aus dem zwanzigsten Jahrhundert: Die Handschrift selbst, der Codex Buranus (um 1230), überliefert keine lesbare Melodie. Was also ist das Original – und was hat es mit dem zu tun, was wir alle im Ohr haben? Der Vortrag führt zunächst in die berühmte Handschrift ein, in der das Gedicht eine überraschende Stellung einnimmt und im Kontext eine eigene, bislang kaum beachtete Antwort auf die Macht des Schicksals gibt. Von dort folgt er der beispiellosen Karriere des Textes bis in Stadien, Kinosäle und Werbespots – eine Rezeptionsgeschichte, die zugleich eine Geschichte moderner Mittelalterbilder ist. Und an ihrem Ende steht eine Frage: Erfüllt die moderne Karriere des Liedes, auf fast unheimliche, anachronistische Weise, etwas, das im Gedicht selbst schon angelegt wäre?

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Jochen Schiewer 
(Deutsches Seminar, Universität Freiburg)
Under der linden … tandaradei. Walthers Lied von erfüllter Liebe zwischen Verbergen und Offenbaren

Samstag, 07.11.26

03 Schiewer Bild 3.jpgWalther von der Vogelweide (ca. 1170-1230) hat mit dem ‚Lindenlied‘ den Traum von erfüllter Liebe an einem paradiesischen Ort Wirklichkeit werden lassen. Fern der Gesellschaft, aus der Sicht der Frau entsteht eine Idylle aus der Erinnerung an eine erotische Begegnung. Das Publikum darf teilhaben an einem Geheimnis, von dem allein ein vogellin Zeugnis geben kann. Es wird damit zum Komplizen und Sympathisanten der Liebenden, die es zu schützen gilt. Walthers ‚Lindenlied‘ markiert den Beginn erotischer Dichtung in der deutschen Literatur. Wie passt erfüllte Liebe in den Minnesang, der die Unerreichbarkeit der geliebten Frau thematisiert? Zugleich entstehen Lieder, die die Trennung der Liebenden am Morgen thematisieren. Die Geschlechterliebe wird um 1200 erstmals in deutscher Sprache im Lied verhandelt, und wir werden uns vor dem Hintergrund von Walthers ‚Lindenlied‘ die lyrische Diskussion über die Liebe zwischen Frau und Mann ansehen und anhören.

Prof. Dr. Beat Föllmi 
(Professeur de Musique sacrée et d’hymnologie, Faculté de Théologie Protestante, Université de Strasbourg) 

O Mensch bewein dein Sünde groß: Eine Kirchenliedmelodie wandert von Straßburg über die französischen Religionskriege bis zu Johann Sebastian Bach

Samstag, 14.11.26

04 Föllmi.jpgDas bekannte Kirchenlied O Mensch bewein dein Sünde groß hat eine bewegte Geschichte zwischen verschiedenen Konfessionen und unterschiedlichen Sprachen. Der Kantor des Straßburger Münsters hat die Melodie 1524 komponiert; sie begleitete seine Umdichtung von Psalm 119. Ein paar Jahre später hat Johannes Calvin das Lied in Straßburg kennengelernt und die Melodie in seinen Genfer Psalter übernommen. Sie wird dort auf den Text von Psalm 68 gesungen (Que Dieu se montre seulement oder in der Übersetzung von Lobwasser: Gott mach sich auf mit seiner Gwalt). Die Hugenotten haben diesen ‚Schlachtenpsalm‘ während der Religionskriege angestimmt, um die Feinde in die Flucht zu schlagen. Unterdessen hat der Lutheraner Sebald Heyden die Melodie für sein Passionslied verwendet (1530). Dieses hat dann Johann Sebastian Bach zwei Jahrhunderte später wiederaufgenommen, in einem Choralvorspiel des Orgelbüchleins (BWV 622) und als großangelegtes Chorstück am Ende des ersten Teils der Matthäuspassion. 

Prof. Dr. Dorothee Birke 
(Institut für Anglistik, Universität Innsbruck)
„Alas, my love, you do me wrong“: Auf den Spuren von Greensleeves

Samstag, 21.11.26

05 Birke.JPGEin Ohrwurm aus königlicher Feder? Hartnäckig hält sich der Mythos, das wohl bekannteste englische Lied des 16. Jahrhunderts sei von Heinrich dem Achten höchstpersönlich komponiert worden und zeuge vom Schmerz seiner Liebe zu der (später geköpften) Hofdame Anne Boleyn. Der Vortrag fragt, was diese klar widerlegte Ursprungsgeschichte so unwiderstehlich macht, zeigt aber auch, inwiefern die früheste überlieferte Textversion von Greensleeves sich nur schwerlich als romantische Liebesbekundung lesen lässt. Wir befassen uns mit Einflüssen wie Sonetttradition und broadside ballad, und wir spüren (und hören!) der vielfältigen Wirkungsgeschichte des Liedes von Shakespeare zum Popmusical und vom Weihnachtsschlager bis zum Eiswagen-Jingle nach.  

Prof. Dr. Claudius Sittig 
(Deutsches Seminar, Universität Freiburg) 

„Der Mond ist aufgegangen“: Matthias Claudiusʼ Abendlied (1779) als ‚kultureller Repertoiretext‘

Samstag, 28.11.26

06 Sittig.jpgDas Abendlied, das Matthias Claudius 1779 geschrieben hat, ist – getragen von der kongenialen Melodie, die Johann Abraham Peter Schulz 1790 komponierte – im Laufe der Jahrhunderte zu „einem der bekanntesten, wenn nicht überhaupt dem bekanntesten deutschen Lied“ geworden (Heinz Rölleke). Nach einem Seitenblick auf den Autor Matthias Claudius stellt der Vortrag die Machart von Text und Melodie vor, deren kunstvolle Schlichtheit für den Eindruck anrührender Frömmigkeit und friedvoller Gelassenheit verantwortlich ist. Zugleich ist nach der außergewöhnlichen Popularität und Omnipräsenz des Abendliedes zu fragen, das sich keiner einzelnen kulturellen Sphäre mehr zuordnen lässt, sondern Literatur, Lied, religiöser Praxis und Alltagskultur gleichermaßen angehört: Es ist zu einem zentralen kulturellen Repertoiretext geworden, der immer wieder gelesen, gesungen, zitiert, variiert und neu angeeignet wird. 

Prof. Dr. Andreas Gelz 
(Romanisches Seminar, Universität Freiburg)
„Aux armes, citoyens!“ – Die Marseillaise (1792) und die Erfindung der Nation: Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf eine Hymne

Samstag, 05.12.26

07 Gelz DSC02490.jpegDie französische Nationalhymne La Marseillaise gehört zu den bekanntesten politischen Liedern Europas und ist eng mit den Idealen der Französischen Revolution verbunden. Sie entstand 1792 als Revolutions- und Kriegslied des Offiziers Claude Joseph Rouget de Lisle und wurde 1795 erstmals zur französischen Nationalhymne erklärt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wechselte ihr politischer Status mehrfach, ehe sie 1879 endgültig den Status der Nationalhymne erhielt. – Der Vortrag zeichnet die historische Entwicklung der Marseillaise nach und beleuchtet ihre Bedeutung als Symbol der Französischen Revolution und der Republik. Zugleich werden ihre kriegerische Sprache und die bis heute anhaltenden Debatten um ihre Deutung thematisiert. Anhand kulturwissenschaftlicher Perspektiven wird gezeigt, wie die Marseillaise als Medium kulturellen Gedächtnisses und Ausdruck nationaler Identität bis in die Gegenwart hinein wirksam ist. Der Vortrag lädt dazu ein, die Marseillaise als lebendigen Erinnerungsort der französischen Geschichte und Kultur neu zu entdecken. 

Prof. Dr. Dieter Martin 
(Deutsches Seminar, Universität Freiburg) 
Dr. Christine Martin 
(Neue Schubert-Ausgabe, Universität Tübingen)

„Am Brunnen vor dem Tore“: Wilhelm Müllers und Franz Schuberts Der Lindenbaum (1822/27) als ‚Kunstlied im Volksmunde‘

Samstag, 12.12.26

08 Christine Martin.jpg08 Dieter Martin.jpgDie Winterreise von Franz Schubert (1797–1828) nach Gedichten von Wilhelm Müller (1794–1827) ist der wohl wirkungsvollste Liederzyklus der deutschen Romantik. Doch nur ein Lied dieses Zyklus ging in den ,Volksmund‘ über: Der Lindenbaum mit seinem prägnanten Eingangsvers „Am Brunnen vor dem Tore“. Im Vortrag wollen wir der Frage nachgehen, wie sich diese enorme Popularität erklären lässt: Welche spezifischen Merkmale des Gedichts und seiner Vertonung beförderten eine derart intensive und langanhaltende Rezeption? Und welche besondere Rolle spielte der erste Tübinger Universitätsmusikdirektor Friedrich Silcher (1789–1860) für die Breitenwirkung des Lindenbaums?  

Alexander Dick 
(Kulturredaktion der Badischen Zeitung, Freiburg)
„O du, mein holder Abendstern“: Wagners Venus-Lied und das Opern-Lied des 19. Jahrhunderts

Samstag, 19.12.26

09 Dick.jpg„O du, mein holder Abendstern, wohl grüßtʼ ich immer dich so gern; vom Herzen, das sie nie verriet, grüße sie, wenn sie vorbei dir zieht“: An kaum einer anderen Stelle seines Opernschaffens schlägt Richard Wagner einen solch liedhaften, verinnerlichten Ton an wie in Wolfram von Eschenbachs Lied an den Abendstern im dritten Akt seines Tannhäuser (1845). Derlei lyrische Schlichtheit rückt das Stück in die Nähe des Kunstlieds, und das gilt es zu hinterfragen. Ebenso wie die Tatsache, dass viele der deutschen romantischen Opern, in denen sich das Lied als Form niederschlägt, heute oft vergessen sind. Über die Beziehung zweier Gattungen, die sich in der Romantik wechselseitig berühren und dennoch sehr unterschiedliche Wege gehen. 

Prof. Dr. Werner Frick 
(Deutsches Seminar, Universität Freiburg)
„Doch das Messer sieht man nicht“: Bertolt Brechts und Kurt Weills Moritat von Mackie Messer (1928) zwischen Gesellschaftskritik und Entertainment

Samstag, 09.01.27

10 Frick Werner02.JPGMit der Moritat von Mackie Messer beginnt Bertolt Brechts und Kurt Weills Dreigroschenoper (1928), einer der größten Theatererfolge der Weimarer Republik – und zugleich die erstaunliche Karriere eines Songs, in dem Verbrechen und Verführung, Gesellschaftskritik und Entertainment unauflöslich verbunden sind. Als persiflierende Bänkelsänger-Nummer stellt die Moritat den Gangster Macheath vor: Sie berichtet von Mord und Gewalt, doch ihre eingängige Melodie macht das Grauen zum Ohrwurm. Gerade solche Spannungen und Verfremdungseffekte charakterisieren das ästhetische Programm von Brechts epischem Theater und prägen die Dreigroschenoper insgesamt. Der Vortrag untersucht die dramaturgische Funktion des Songs, seine Nähe zu Moritat, Leierkasten und Bänkelsang ebenso wie Kurt Weills raffinierte Amalgamierung von scheinbarer Einfachheit, Ironie und Drehorgelsound mit Anleihen bei der zeitgenössischen Tanzmusik und dem mondänen Drive des Foxtrott. Ein konzertanter Ausblick gilt der Metamorphose des Bänkelliedes zum swingenden Welthit und Jazzstandard Mack the Knife: von der originalen Komposition Brechts und Weills zu berühmten Coverversionen späterer Interpreten – von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald über Milva und Frank Sinatra bis zu Udo Lindenberg oder Max Raabe. 

Prof. Dr. Joachim Grage 
(Skandinavisches Seminar, Universität Freiburg)

Was für ein Wunder? Zarah Leander, Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehʼn (1942)

Samstag, 16.01.27

11 Grage 25-10-27 hoch (c) Jürgen Gocke.jpgAls Zarah Leander im Jahr 1942 für den deutschen Tonfilm Die große Liebe vor der Kamera steht, steht die schwedische Sängerin und Schauspielerin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in Nazi-Deutschland. Dass man sich noch heute an dieses Produkt aus Goebbelsʼ Propaganda-Werkstatt erinnert, liegt an zwei Schlagern, die den Durchhaltewillen der deutschen Bevölkerung antreiben sollten und deren Interpretation die Sängerin unsterblich machte: Davon geht die Welt nicht unter und Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehʼn. Doch die von Michael Jary vertonten Texte sind doppelbödig: Der Texter Bruno Balz hat sie geschrieben, während er von der Gestapo wegen Homosexualität inhaftiert war und gefoltert wurde. Der Vortrag geht der Frage nach, warum der Schlager vom ausstehenden Wunder nach dem Krieg eine so breite und vielfältige Rezeption entfalten konnte, insbesondere in der queeren Community – und durch Nina Hagens spektakuläre Adaptation von 1983 sogar in der Punk-Szene. 

Prof. Dr. Anke Detken 
(Seminar für Deutsche Philologie, Universität Göttingen)

Non, je ne regrette rien (1960) – Zur Erfolgsgeschichte von Édith Piafs Chanson

Samstag, 23.01.27

12 Detken.jpgÉdith Piafs Jahrhunderterfolg Non, je ne regrette rien, den die französische Sängerin erstmals 1960 im Pariser Konzertsaal Olympia singt, leitet nach einer tiefen Schaffenskrise ihren Wiederaufstieg ein. Die Zeitgenossen fassen das Lied als Piafs Lebensbeichte und ihr Lebensmotto auf. Dieser dominierenden Einschätzung nachgehend untersucht der Vortrag Liedtext und Musik, wobei die Gattung des Chanson und speziell des Chanson réaliste als wesentlicher Rezeptionshintergrund dient. Mit Blick auf diese Liedgattung lässt sich erklären, warum zunächst die recht einseitige Auffassung von Non, je ne regrette rien dominiert, bei der der Inhalt des Liedes in erster Linie als Beglaubigung von Piafs bisherigem Leben verstanden wird. Die gewonnenen Erkenntnisse werden durch eine weitere Deutungsmöglichkeit des Liedes ergänzt, die über die erste Lesart hinausgeht und seine Offenheit für verschiedene Interpretationsansätze belegt. 

Dr. Gesa von Essen 
(Deutsches Seminar, Universität Freiburg)

„er fliegt nicht weg – er stürzt nicht ab“: Wolf Biermanns Ballade vom preußischen Ikarus (1976)

Samstag, 30.01.27

13 von Essen.jpgAm Schluss seines Kölner Konzerts am 13. November 1976 sang Wolf Biermann erstmals öffentlich die Ballade vom preußischen Ikarus. Drei Tage später entzog ihm die DDR die Staatsbürgerschaft. Zufall, lange vorbereitete Staatsaktion oder Reaktion auf einen Abend, der durch Rundfunk und Fernsehen auch in die DDR hineinwirkte? Der Vortrag folgt den Spuren eines Songs, in dem poetisches Bild, politische Kritik und persönliche Vorahnung zusammenfinden. Ausgangspunkt ist der gusseiserne Adler an der Berliner Weidendammer Brücke über die Spree. Biermann verwandelt ihn in einen gefesselten Ikarus: Anders als der antike Himmelsstürmer kann dieser weder aufsteigen noch abstürzen – er hängt mit schmerzenden Flügeln über der geteilten Stadt. So wird der Mythos vom verbotenen Flug zur Parabel auf Freiheitssehnsucht, politische Fesselung und Erstarrung im ‚real existierenden Sozialismus‘. Zugleich rückt der Sänger selbst in die Rolle des Ikarus. 

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Detering 
(Seminar für Deutsche Philologie, Universität Göttingen)

Schattenbeschwörung: Bob Dylans Workingmanʼs Blues #2

Samstag, 06.02.27

14 Detering Porträt 5_8_2019_lachend_sw.jpgWorkingman’s Blues #2, veröffentlicht auf Bob Dylans Album Modern Times 2006, gehört noch immer zu den weniger bekannten Songs dieser Jahre – und ist doch eines seiner späten Meisterwerke. Einen von „Dylan’s most overlooked gems“ hat ihn die New York Times genannt, ja „one of the greatest songs that he has ever recorded“. An ihm lässt sich zeigen, was Dylans späte Song-Poesie ausmacht, die Komplexität ihrer poetischen, musikalischen und nicht zuletzt szenischen Ausdrucksformen ebenso wie die unpathetische Humanität, die sich in ihr artikuliert. 

 

Prof. Dr. Dr. Michael Fischer 
(Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Universität Freiburg) 

„Deutschland. Dein Atem kalt, so jung und doch so alt“. Nationale Mythen in Rammsteins Musikvideo Deutschland (2019)

Samstag, 13.02.27

15 Fischer.jpgIm Jahr 2019 erschien ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, das genauso faszinierte wie irritierte. Es erhoben sich kritische Stimmen, die großen Feuilletons berichteten, die öffentliche Aufmerksamkeit wandte sich besorgt und empört einem populärmusikalischen Produkt zu. Die Rede ist von Rammsteins Deutschland, dessen Video einen „spektakulären Ritt durch die deutsche Geschichte“ unternimmt, wie Kerstin Wilhelms festgestellt hat. Die Mitglieder der Band schlüpfen hierfür in verschiedene historische Rollen. So agieren sie als ‚Römer‘, als mittelalterliche Ritter, als NS- und DDR-Offiziere, Terroristen sowie – besonders provokant – als KZ-Häftlinge. Absichtlich orientiert sich diese Geschichtsdarstellung an keiner Chronologie oder einem durchgängigen Narrativ. Stattdessen zeigt das Video blutrünstige, grausame Bilder, die ein fantasievolles, in Teilen sicherlich widerliches Bild dessen zeigen, was ‚Deutschland‘ in den Augen der Band Rammstein offenbar ist: eine Orgie der Gewalt und der Perversion. 

 

Mit freundlicher Unterstützung der Volksbank Freiburg und der Badischen Zeitung